„İstanbul yanıklar – Istanbul brennt“

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Unter großem Zulauf verlief die Demonstration in den ersten Tagen friedlich. Quelle: facebook-Seite  Occupy Gezi

Unter großem Zulauf verlief die Demonstration in den ersten Tagen friedlich. Quelle: facebook-Seite Occupy Gezi

„Istanbul brennt!“ So schreibt es ein junger Türke auf facebook. Die sozialen Netzwerke sind voll. Unter dem hashtag #geziparkıdireniyor (Ausflugspark-Aufstand) treffen neue Nachrichten im Sekundentakt ein. Die Solidarität mit den Aktivisten in der Türkei ist auch in Deutschland groß. Aber es geht nicht nur um einen vom Abriss bedrohten Park. Es geht um die politische Entwicklung der Türkei insgesamt.

Seit vier Tagen gibt es im Istanbuler Gezi-Park Demonstrationen. Der Park liegt auf der europäischen Seite der türkischen Metropole. Er gilt als letzter grüner Fleck in der Stadt. Doch die Regierung um Tayyip Erdoğan will ihn abreißen und an seiner Stelle ein Einkaufscenter errichten. Am Samstag gingen erneut Tausende Menschen gegen diese Pläne auf die Straße. Sie kamen nicht nur aus der ganzen Stadt, sondern mittlerweile auch aus anderen Teilen des Landes. Es sind die größten Proteste seit Erdoğans Amtsantritt vor über zehn Jahren. Aus allen sozialen und religiösen Schichten wird gegen den Abriss des Parks demonstriert. In jedem Moment werden es mehr Menschen. Künstler, Anwälte, Intellektuelle, oppositionelle Politiker, Journalisten und sogar Fans der rivalisierenden Istanbuler Fußballclubs nehmen gemeinsam an den Aktionen teil.

Jedoch greift die Polizei seit gestern mit unverhältnismäßiger Härte durch. Wasserwerfer und Tränengas kommen massenhaft zum Einsatz. Es kommt zu Verhaftungen. Der Tod einer jungen Demonstrantin, die von einer Gasgranate am Kopf getroffen wurde, ist bereits bestätigt. Die Straßenzüge um den Gezi-Park sind verwüstet. Im Internet kursieren Bilder von zahllosen Granathülsen und von brennenden Barrikaden. Es finden sich Fotos der Istanbuler Skyline, auf denen dicken Schwaden aus Tränengas sichtbar sind. In Live-Streams und kurzen Videos kann man sich ein Bild vom Ausmaß der Ausschreitungen machen.

Doch es steckt mehr dahinter, als nur der Wunsch nach dem Erhalt des Parks. Mit einem Wachstum von 9% (2010) dauert der Wirtschaftsboom noch an. Er ist jedoch nur dem kurzfristigen Agieren der Regierung geschuldet. Durch massenhafte Verkäufe an nationale und internationale Investoren wird die Kraft der türkischen Wirtschaft künstlich gesteigert. Der Verkauf des Tabak- und Alkoholmonopols TEKEL, vieler Häfen und Ländereien, lässt die Bevölkerung einen „Ausverkauf“ ihres Landes befürchten. Viele Türken wollen einen Wirtschaftswachstum, aber nicht um jeden Preis. Geplante Großprojekte, wie ein dritter internationaler Flughafen und eine neue Brücke über den Bosporus, treffen in der Bevölkerung auf erheblichen Widerstand.

Ein weiteres Problem in der Türkei ist, dass sie sich auf dem Kurs der Re-Islamisierung befindet. Die säkularen Errungenschaften des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk werden von der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) Stück für Stück zurückgenommen. Schon das kürzlich durchgesetzte nächtliche Alkoholverkaufsverbot stieß bei laizistischen Türken auf große Kritik. Die Angst vor einem „Sultanat“ ist groß geworden.

Auch die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen dürften Gründe für die Ausschreitungen in Istanbul sein. Es geht um mehr, als nur einen Park. Das weiß man auch in der Regierung.

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