Halbwahrheiten und Volksaufstände: Grünes Wahlprogramm sorgt für Schrecken unter Fleischessenden

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Es sind wirklich schlimme Zeiten über uns herein gebrochen. Das ganze Jahr schon hagelt es Skandale und Hiobsbotschaften. Pferdefleisch in Tiefkühlburgern! Plagiatsvorwurf gegen Bildungsministerin! Dioxin-Skandal in Bio-Eiern! Vatileaks und Papst-Rücktritt! Betreuungsgeld und Eurokrise! NSA! prism! tempora! Und immer wieder zwischendurch: Terrorwarnung und Nahost-Konflikt! Und jetzt, im Sommer(-loch) kurz vor der Wahl, kommt der absolute Kracher: Die Grünen fordern einen „Veggie-Day“(!)

Das schockt. Das sitzt tief. Ein Schaudern geht durch Deutschland. Die sonst so gelassene Bevölkerung ist außer sich. Von „Tugend-Terroristen“ und „Öko-Diktatur“ ist die Rede. „Der mündige Bürger darf sich nicht einmal sein Essen selbst aussuchen“, heißt es im Internet. Von der „Verbots-Partei“ ist die Rede.
Aber halt! Was ist denn hier los? Fangen wir einmal ganz von vorne an:
Im Sommerloch des Jahres 2013 kamen ein paar Bild-Redakteure auf die (eigentlich sehr kluge) Idee einmal die Wahlprogramme für die anstehende Bundestagswahl zu lesen. Und bei den Grünen fanden sie diese Formulierung: „Deshalb fordern wir mehr Verbraucheraufklärung zu den gesundheitlichen, sozialen und ökologischen Folgen des Fleischkonsums. Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein „Veggie Day“ sollen zum Standard werden.“ (Vergleiche S. 164 hier) Das ist doch mal was, dachten sich die spitzfindigen Schreiberlinge und titelten am 5. August „Grüne wollen uns das Fleisch verbieten“ Das gab den erwarteten Einschlag. Alles war in Aufruhr. Ein Aufschrei ging durch die Presse.
Leider verstanden es nur die wenigsten Menschen, einmal selbst einen Blick in das grüne Wahlprogramm zu werfen. Oder sich näher mit der Aussage von Renate Künast zu beschäftigen. Denn: Keinesfalls wollen die Grünen irgendjemandem vorschreiben, was er oder sie zu essen hat. Keine Kantine soll darin bevormundetet werden, was sie ihren Gästen zum Mittag serviert. Es geht lediglich um Anreize. Um Motivation zur Alternative. Alles auf freiwilliger Basis. 

Und das nicht ohne Grund. In den letzten hundert Jahren hat sich der Fleischkonsum in Deutschland verdoppelt. Das hat gravierende Folgen für die Gesundheit der Menschen. Obwohl ein Erwachsener nur 200-300 Gramm Fleisch pro Woche verzehren sollte, liegt der Bundesdurchschnitt bei weit über einem Kilogramm. So genannte Zivilisationskrankheiten, wie Übergewicht, Bluthochdruck, Herz- und Gefäßkrankheiten, sind die Folge. Auch die Umwelt leidet. Riesige Flächen Regenwald werden abgeholzt, für Weideland oder den Anbau von Futterpflanzen. Treibhausgase werden in Unmengen ausgestoßen durch Massentierhaltung. Der Verbrauch von 15.500 Litern Wasser für nur ein Kilogramm Rindfleisch ist eine erschreckend hohe Menge.
So geht es nicht weiter“ ist eigentlich auch die Meinung der meisten Menschen. Aber vorschreiben und verbieten, das kann man mit einem mündigen Bürger doch nicht machen.
Das sahen auch die Koalitionsparteien und entdeckten eine willkommene Angriffsfläche zu Wahlkampfzeiten. Die unsäglichen Nazi-Vergleiche eines FDP-Bundestagsabgeordneten lasse ich hier einmal weg. Wer sich näher dafür interessiert findet beim FOCUS Details. Hermann Gröhe (Generalsekretär der CDU aus Neuss) bringt sich allerdings gleich mit seinem Lieblings-Vergleich ein: „Der abstruse Vorschlag von Frau Künast ist ein weiterer Baustein für die grüne Bundes-Verbots-Republik“ Doch bevor Herr Gröhe von „Volkserziehern“ und „Tugend-Diktatoren“ sprechen kann, würde ich ihn sehr gerne kurz an etwas erinnern. Die Grünen sind nicht die Partei der Verbote. Jedenfalls nicht die Einzige. Das können sie auch gar nicht, da die CDU ihnen diesen Titel gerne streitig macht. Gröhes Partei (und jetzt folgt wirklich nur eine Auswahl) fordert seit Langem ein Verbot von sogenannten Killerspielen, ein Tanzverbot an ausgewählten christlichen Feiertagen, ein Verbot der Homo-Ehe (und möglichst vieler anderer Rechte von Homosexuellen), ein Verbot von Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen und das Verbot des Containerns soll ebenfalls aufrechterhalten bleiben.  Die CDU möchte so wie es aussieht auch Kantinenbetreibern die Einführung eines fleischfreien Tages verbieten. Wer gefährdet nochmal die Freiheit in Deutschland?

Während sich die Regierung im Wahlkampf über die Ökos auslässt, bestreiten diese ihren Stimmenfang viel lieber mit Inhalten. Daher also die Forderung nach mehr Bewusstsein beim Fleischverzehr und mehr Möglichkeiten für vegetarische Lebensstile.
Ein absolutes Fleischverbot? Das will niemand, jedoch sind die Grünen eine Protestpartei. Sie wollen wach rütteln und auf die Missstände unserer Gesellschaft hinweisen. (Wurde ihnen doch zuletzt immer wieder unterstellt, sie seien genauso etabliert und unwählbar wie die anderen Patrteien auch) Mit ihrer urgrünen Eigenschaft scheinen sie allerdings Erfolg zu haben. Denn, während sich populistische Blätter, wie die Bild und konservative Zeitungen, wie die Rheinische Post, ablehnend mit dem Thema beschäftigen, schauen peu à peu andere große Medien einmal über den Tellerrand hinaus. Zeit-Online schreibt zum Beispiel: „Eigentlich muss man sich wundern, dass erst jetzt, im Jahr 2013, eine renommierte Politikerin einen konkreten Vorschlag zur Reduzierung des Fleischkonsums unterbreitet hat.“ Es gibt sie also noch. Menschen und Medien, die sich mit einer Problematik sachlich und inhaltlich auseinandersetzen. Hoffen wir, dass eine möglichst große Menge an Lesern erreicht wird und möglichst viele Menschen ihre Gewohnheiten und ihren Lebensstandard überdenken. Niemand muss direkt sein ganzes Leben ändern, aber jedem sollte bewusst sein, welche Konsequenzen sein Handeln hat.

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2 Gedanken zu „Halbwahrheiten und Volksaufstände: Grünes Wahlprogramm sorgt für Schrecken unter Fleischessenden

  1. super geschrieben…danke dafür. schade, dass ich den artikel erst jetzt gefunden habe, nachdem ich so viel schlechtes über diese meldung lesen musste.

  2. super artikel!
    vor allem auch diesen teil fand ich toll, weil es ein super gegenbeispiel zur angeblichen „verbotspartei“ offenbart:
    „Gröhes Partei (und jetzt folgt wirklich nur eine Auswahl) fordert seit Langem ein Verbot von sogenannten Killerspielen, ein Tanzverbot an ausgewählten christlichen Feiertagen, ein Verbot der Homo-Ehe (und möglichst vieler anderer Rechte von Homosexuellen), ein Verbot von Alkoholkonsum auf öffentlichen Plätzen und das Verbot des Containerns soll ebenfalls aufrechterhalten bleiben.“

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