„Große Neu(ss)eröffnung“ – Höffner Neuss ist da

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„Morgen, Kinder, wird’s was geben. Morgen werden wir uns freu’n! Einmal werden wir noch wach, heissa dann ist“ Eröffnungstag! Nach Rekordbauzeit von rund einem Jahr eröffnet am 27. Dezember 2014 das Möbelhaus Höffner Neuss vor den Toren der Stadt seine Pforten. Eine Geschichte, die in Politik und Presse großes Echo, aber auch viel Hin und Her erzeugte. Wer sich einen Überblick der letzten zwei Jahre verschafft, wird Erstaunliches und vor allem weniger Erfreuliches feststellen müssen.
Höffner Neuss – kein Weihnachtsmärchen.

Die Sammelleidenschaft meines Vaters konnte ich bisher nur belächeln. Doch heute zahlt sie sich aus. So liegen mir 41 Artikel, Meldungen und Interviews zum bisher größten Grundstücksverkauf der Stadt Neuss vor. Gesammelt über fast zwei Jahre. Ein spannendes Auf und Ab in der kommunalen Politik, welches zwischenzeitig auch als „Möbelhaus-Poker“ benannt wurde. Böse Zungen könnten es auch als stadtplanerisches Armutszeugnis oder sozial- und arbeitspolitisches Fiasko bezeichnen.

Ein Überblick der Ereignisse seit Anfang 2013

Das bayrische Familienunternehmen Segmüller möchte auf Neusser Stadtgebiet ein Möbelhaus mit 45.000m² Verkaufsfläche auf einem Teil des Gewerbegebiets Hammfeld II bauen. Gekauft werden sollen von der Stadt Neuss dazu 60.000m² und geboten werden 600 Vollzeitarbeitsplätze. Der Deal mit der damaligen CDU/FDP-Koalition scheint fast in trockenen Tüchern, als doch noch ein Bieterverfahren eröffnet wird. Bereits zu dieser Zeit gibt es Kritik seitens der Opposition und der Zukunftsinitiative Innenstadt (ZIN). Das Verfahren wird eröffnet und es gesellen sich die Investoren Schaffrath und Krieger (Möbelhaus Höffner) hinzu. Im Neusser Stadtrat ist man sich nun doch gar nicht mehr so einig, ob das Areal überhaupt mit einem Möbelhaus bebaut werden soll, lässt sich aber von den Investoren Konzepte und Angebote präsentieren. Das in Aussicht gestellte Geld scheint die regierende Koalition fernab jeglicher anderer Planung zu bringen, als den Verkauf an einen der drei Investoren. Bei drei vergleichbaren Angeboten entscheidet jetzt die höchste Summe und ein Gesamtkonzept zur Gestaltung der übrigen 100.000m² Gewerbegebiet Hammfeld II. Gegen die Stimmen von SPD und Grünen erhält der Investor Kurt Krieger den Zuschlag.
Die Summe von 47 Millionen Euro als Grundstückspreis wird immer wieder in den Medien genannt. Doch es gibt vor und nach Vertragsabschluss Probleme und Nachverhandlungen. Die Pacht eines Reitstalls soll frühzeitig beendet werden. Abstandsumme: 600.000 Euro. Sowohl Stadt als auch Investor wollen nicht zahlen. Die Stadt Neuss gibt nach und so reduziert sich nachträglich der Kaufpreis nicht nur um 600.000 Euro, sondern um eine Millionen. So schreibt es die Lokalzeitung NGZ am 10. Oktober 2013. Eigentlich sollte man vermuten, dass fortan von 46 Millionen Euro die Rede ist, allerdings wird in der Presse nur noch von 30 Millionen Euro gesprochen. Erst nach einiger Recherche im Internet findet sich der Verweis, dass der Grundstückspreis der 60.000m² bei 30 Millionen und der mögliche Gewinn aus den zusätzlichen 100.000m² bei zusätzlichen 17 Millionen Euro liegt. Auch die Zahl der Arbeitsplätze ist nicht fix. Spricht Investor Krieger bis März 2014 noch von 600 neuen Stellen, so sind es in einer Zeitungsannonce am 22. des Monats nur noch 400. Auch die Presse schwenkt nun um. Aus einem Jahr Berichterstattung über 600 neue Stellen werden innerhalb weniger Tage lediglich 400. Kleiner Wermutstropfen: Darunter sollen sich 72 Langzeitarbeitslose befinden.
Das Zwischenfazit fällt nüchtern aus. Die Stadt Neuss entscheidet sich für ein umstrittenes Möbelhaus. Gibt einem Investor den Zuschlag. Der Erlös aus dem Grundstücksverkauf reduziert sich um eine tatsächliche und gefühlte 18 Millionen Euro. Die versprochenen 600 Arbeitsplätze reduzieren sich um ein Drittel.

Damit nicht genug. Kritikfähig ist das Projekt an vielen weiteren Stellen

Die Bedarfslage ist unklar. Die strukturstarke Region Neuss/Düsseldorf beherbergt bereits eine Vielzahl an Möbelhäusern. (Vgl. Karte) Das vom Investor verkündete Einzugsgebiet von 30 Minuten Fahrtzeit beherbergt 2 IKEA-Fillialen, 3 Schaffrath und eine Knuffmann-Niederlassungen, sowie drei weitere Möbelhäuser im gleichen Preissegment. Discountläden, wie zum Beispiel Poco und Roller, sowie spezialisierte und Designgeschäfte, wie zum Beispiel Casa, sind hier bewusst nicht eingerechnet.
Ein wirklicher Bedarf an einem Mega-Möbelhaus scheint nicht vorhanden und der Höffner-Bau wird eventuell für die Schließung des Neusser Knuffmann-Möbelhauses sorgen.
Diese Schließung wird wiederum Teil eines wahrscheinlichen Nullsummenspiels bezüglich der Arbeitsplätze. Ohne Mehr-Bedarf der Konsumenten, werden die vorhandenen Märkte sparen müssen. Auch am Personal. Aufgrund der Verlagerung von sogenanntem „Nebensortiment“ aus der Innenstadt heraus, werden auch die in der Innenstadt vorhandenen Einzelhändler (Fachmärkte für Betten und Matratzen, Lampen, Teppiche, Haushaltswaren, etc, sowie der ansässige Kaufhof) große Einbußen erleiden. Auch hier ist mit Stelleneinsparungen und Geschäftsaufgaben zu rechnen. Die „Neusser Liste“ soll eigentlich zentrumsrelevante Artikel schützen und begrenzt deren Verkauf außerhalb auf 10% des Sortiments. (Bei Höffner werden dies 4.500m² Verkaufsfläche. Allerdings hat die damalige Regierungskoalition viele Artikel von dieser Liste gestrichen, sodass das „Nebensortiment“ im Höffner-Markt um weitere 3.100m² an Lampen und Ähnlichem wachsen kann, berichtet die NGZ am 10.11.2013. Ein deutlicher Nachteil für Fachhändler dieser Produkte.
Zusammen mit dem Rheinpark-Center wird dieses neugeschaffene „Einkaufsparadies“ mehr Verkaufsfläche bieten, als die gesamte Innenstadt. Wohin die Verlagerung von Kaufkraft in Kommunen führen kann, ist an anderer Stelle in Deutschland hinreichend belegt. Da tröstet es auch nicht, dass die Stadt Neuss 10 Millionen aus dem Verkaufserlös für Innenstadt-Förderung ausgeben möchte. Bei einer jährlichen Aufteilung in 300.000 Euro-Häppchen ist dies allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die längst angelaufene Werbekampagne soll hier kein großes Thema sein. Aussagen, wie „Größter und modernster Höffner der Welt“, blenden den Event-orientierten Käufer, sind allerdings nicht illegal. Dass sich Geschichte bei Kurt Krieger wiederholt, sieht man nicht nur am Fallbeispiel Fürth und dem Eröffnungstermin 27.12.2013.

Auch wenn das Möbelhaus bereits steht und morgen eröffnet wird, lohnt der Blick auf mögliche Alternativen, damit andere Städte (und Neuss selbst) für die Zukunft lernen können.

Der Gutachter Ralf C. Beckmann nannte im NGZ-Interview vom 13. Mai 2013 das Areal am Hammfeld ein „Filetstück“. Optimale Verkehrsanbindung und unglaubliche Lage. Die Stadt Neuss hätte mit solch einer Seltenheit Wucherpreise erzielen können. SPD und Grüne kritisierten von Beginn an im Stadtrat, dass das Grundstück bei offener Betrachtung auch eine Vielzahl anderer Nutzungsmöglichkeiten ergeben hätte. Bei einer gemischten Nutzung der über 160 Hektar hätte, durch kleinere Gewerbenutzung und der Schaffung (sozialen) Wohnraums, auch langfristig mehr Geld eingenommen werden können, als es kurzfristig mit Verkaufserlös und vergleichbar geringer Gewerbesteuer nun der Fall ist. Hier war schnelles Geld wieder einmal Vater des Gedanken im Hause der Fraktionen von CDU und FDP.
Der Rheinische Einzelhandelsverband und die ZIN kritisieren nach wie vor das gesamte Projekt Möbelhaus. (NGZ 11/12.4.13; 8.5.13) Und trotz anfänglicher positiver Haltung, fragt sich mittlerweile auch die IHK ob das Möbelhaus nicht zu groß für Neuss ist. (NGZ 14.12.14)

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Folgen aus dem Höffner-Deal an anderer Stelle doch noch ausgeglichen werden können. Und dass der neue Koalitionspartner der CDU, Bündnis 90/Die Grünen, zukünftige Fehlentscheidungen der Neusser Konservativen verhindern kann.

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