IS: Drohnen, Panzer & YouTube-Videos – Die Niederlage des „Westens“ gegen simple Web-Propaganda

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„Er trinkt Tee wie ein Türke. Er rezitiert wie ein Araber. Er kämpft wie ein Tschetschene. In einer Welt, in der Korruption und Ungerechtigkeit herrscht, gibt es einen, der für die Gerechtigkeit kämpft. Man nennt ihn Supermuslim.“ Das sind die Worte aus dem Vorspann der youtube-Serie „Supermuslim“. Ein Propaganda-Werkzeug radikaler Salafisten in Deutschland. Neben Vorträgen und Koran-Verteilungen in den Einkaufsstraßen, werben sie verstärkt online. Mit Informationsseiten, Memes, Twitter- und Facebookaccounts machen Islamisten auch in Deutschland Jagd auf junge Menschen, um sie für ihre dschihādistischen Zwecke zu rekrutieren.

Das Jugendwort "Yolo" (You only live once) wird kurzer Hand umgedeutet.

Das Jugendwort „Yolo“ (You only live once) wird kurzer Hand umgedeutet.

Das Internet gilt schon lange als von Islamisten dominiertes Propaganda-Schlachtfeld. Zahlreich sind die Webpräsenzen zum „Wahren Islam“. Im Bericht des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes (‚Der „Ruf zu Gott“ – Formen salafistischer Propaganda‘) werden Adressaten und Aufmachung jener Plattformen beschrieben. Dort heißt es: „Solche Internetseiten richten sich in der Regel an junge Muslime und Konvertiten. Sie sind mehrsprachig, multimedial und grafisch aufwändig gestaltet.“ Einfachste Botschaften werden transportiert. Die Welt wird eingeteilt in Gut und Böse. In Gläubige und Ungläubige. Diese Ungläubigen, also die kuffar, sind nicht nur Christen, Juden und Atheisten, sondern auch andere muslimische Glaubensrichtungen. Beispielsweise Shiiten und Aleviten. Neben der extrem einfachen Welteinteilung werden auch andere Botschaften transportiert. Hierzu zählen ein rückschritliches Frauenbild, eine starke Orientierung am Jenseits, die Idealisierung der Sharia und die Ablehnung der Demokratie. Diese „Lehre“ wird auf allen nur erdenklichen Kanälen transportiert. Dabei mangelt es radikalen Islamisten nicht einmal an Humor. Auch das Internetphänomen ‚Meme‚ wird von ihnen instrumentalisiert. Einen guten Einblick in diese Form der online-Kommunikation bietet der Puls-Artikel des Bayrischen Rundfunks.

Auch auf YouTube wurde eine neue Frontlinie des Propagandakrieges durch radikale Salafisten eröffnet. Neben den bekannten Videos militärischer Erfolge des IS und der Exekutionen „ungläubiger“ Zivilisten, finden sich auch kurze Animationsclips. „Supermuslim“ ist solch eine Serie, welche für den deutschsprachigen Raum entwickelt wurde. Die ersten Videos aus dem Jahre 2012 sind nur einige Sekunden bis wenige Minuten lang. Sie zählen bis zu 40.000 Klicks. Grafik und Sound sind bunt und schrill, allerdings auch kitschig und als „grottenschlecht“ zu bezeichnen. Die gezeigten Szenen handeln von einem jungen Muslim, der sich scheinbar für das Gute einsetzt und beispielsweise eine Muslima vor angreifenden Nazis beschützt. Die in den Videos gezeigte Gewalt wird zwar abgelehnt, allerdings auch als manchmal zwingend nötig bezeichnet. Glaube und Freiheit der Muslime sollen verteidigt werden.

Erste Gehversuche von "Supermuslim": Einfache Grafik, einfache Botschaft

Erste Gehversuche von „Supermuslim“: Einfache Grafik, einfache Botschaft

Auch die oben bereits erwähnten anderen Botschaften werden subtil vermittelt. Junge, unbedarfte Zuschauer können sich mit „Supermuslim“ identifizieren und übernehmen so seine Ansichten. Wenn man auch die kurzen Amateurclips der letzten zwei Jahre belächeln kann, so ist doch eine überaus rasante Weiterentwicklung festzustellen. Grafikdetails, Auflösung und Sound der neuesten Videos erinnern an Videospiele und High-End-3D-Produktionen. Der Hauptdarsteller ist gereift. Sozusagen ein „Supermuslim 2.0“ geworden. Bereits zwei Episoden der neuen Generation gibt es. Die neuste erschien vor einer Woche. Die radikalen Entwickler wenden sich dem erfolgreichen Serien-Konzept zu. In ca. 20 Minuten wird eine fortsetzbare Geschichte erzählt.
In Episode eins kommt „Supermuslim“ in eine neue Stadt und rettet erstmal einen kleinen blonden (wohlbemerkt christlichen) Jungen vor zwei „fehlgeleiteten“ muslimischen Räubern. Die beiden unterhalten sich anschließend über Religion und Glaube, bis sie an einer Moschee angelangen. Hier kehrt „Supermuslim“ ein und erfährt, dass die Regierung diese Moschee schließen möchte. Etwas anderes soll an dieser Stelle errichtet werden. Die viel zu kleine Gemeinde sucht nach einer Lösung…
Auf den ersten Blick erscheint die Serie als harmlos und man sieht die gezeigten Personen in einer Art Opferrolle, deren Drang nach Religionsfreiheit man durchaus verteidigen möchte. Jedoch werden ganz andere Botschaften unterschwellig transportiert. Regierung und Wirtschaft sind in dieser Welt das Böse. Säkular und modern ausgerichtete Muslime sind schwach und „fehlgeleitet“. Die strenge, ja absolute (und überinterpretierte) Auslegung des Islams ist die einzig richtige.
Episode zwei der Serie zeigt dann den Kampf der kleinen Gemeinde um mehr Mitglieder. Sie einigen sich „da’wa„-Arbeit zu leisten, um ihre Moschee zur erhalten und zu vergrößern. (Der Begriff „da’wa“ bedeutet im neutralen Kontext in etwa „Missionierungsarbeit“, hier ist er allerdings als Propaganda zu verstehen) Auch die aus den Innenstädten bekannte Koranverteilung wird gezeigt und als überaus erfolgreich dargestellt. Die Gemeinde wächst. Auch der kleine blonde Junge kommt jetzt zum Studium des Koran in die Moschee. Hier endet die zweite Episode.

"Supermuslim" 2.0 zeigt aufwendige Grafik ganz im Geiste moderner PC-Spiele à la 'Call of Duty'

„Supermuslim“ 2.0 zeigt aufwendige Grafik ganz im Geiste moderner PC-Spiele à la ‚Call of Duty‘

Wieder erscheint alles friedlich und unterstützenswert. Das Problem solcher propagandistischen Clips liegt in der geschickten Platzierung ihrer Botschaften. Autoren und Entwickler wissen ganz genau, welche Aussagen in den Videos von strafrechtlicher Relevanz wären. Daher wird lediglich eine positive Stimmung erzeugt. Keine Spur mehr von Gewaltdarstellungen aus den ersten kurzen Videoclips. Im Zentrum steht: Fromm soll der Muslim sein. Arabisch-Religiöse Hintergrundmusik unterstützt die deutlich verbesserte Grafik.

Trotz langer Medien- und Popkultur wurde „der Westen“ und auch die übrige muslimische Welt von radikaler Propaganda überrollt. Im Beitrag des ARD-Magazins ttt (Titel Thesen Temperamente) wird dieses Problem aufgegriffen. Hier heißt es „westliche Produktionen seien meist didaktisch“. Es fehlt der Coolness-Faktor. Erst langsam kommt eine Gegenbewegung in Gang. Sogenannte Counter-Narratives, also Gegen-Geschichten, sollen muslimische und für salafistische Propaganda empfängliche Jugendliche vor der verdeckten und tödlichen IS-Ideologie warnen. Sie sollen sensibilisieren. Einzig ernstzunehmender Vorreiter ist die Produktion „Abdullah-X„. Der Entwickler ist ein Aussteiger der militanten Dschihadisten. Seine Produktionen im Gothic-Novel-Stil sind ein erster Schritt. „Natürlich können wir nicht erwarten, dass jemand, der ein ‚Abdullah X‘-Video sieht, plötzlich kein Jihadi mehr sein will“, sagt der anonyme Produzent im ttt-Interview. „Aber wir können versuchen, ihn in seiner Entscheidung zu verunsichern. Zweifel in seine Internet-Fantasiewelt einzupflanzen, die ihn noch einmal über seinen Weg nachdenken lassen.“ In einem seiner kurzen Videos belauscht der Protagonist Abdullah ein Gespräch zweier sich radikalisierender Jugendlicher. Er greift ein und spricht sie an. Er fragt sie nach ihren Beweggründen für den Kampf gegen „Ungläubige“ und argumentiert dagegen („Negative energy can create only negativity. Can it not?“)

Counter-Propaganda: Die Clips von "Abdullah-X" zielen auf das gewissen religiöser Muslime ab

Counter-Propaganda: Die Clips von „Abdullah-X“ zielen auf das gewissen religiöser Muslime ab

Auf Abdullahs Frage wer die Welt beherrscht und steuert antwortet sein Gegenüber mit Verschwörungstheorien. Er nennt die westlichen Mächte, Illuminaten und Bilderberger. Abdullah antwortet ihm darauf schlicht, dass Allah die Welt steuert und falls er anderer Meinung sei, wäre seine „Revolution“ gegen „den Westen“ schon längst gescheitert. Ein anderes Video von „Abdullah-X“ zeigt ihn in der Düsternis seiner Wohnung. Er macht sich Gedanken zum Kampf der IS in Syrien und dem Irak. Im Hintergrund laufen Nachrichtenbilder aus den Kriegsgebieten. Er argumentiert ruhig und sachlich. Nennt Gründe, warum die blutige Errichtung eines Kalifats nicht muslimisch ist („You are actually killing innocent people […] It seems to a lot of us, that what you are representing is a calip-HATE“). Dabei bleibt er stets religiös, klar und deutlich („‚Call of Duty‘ is a Videogame, my brother… not gods way to act!“).

In seinen kurzen Clips beschäfftgt sich "Abdullah-X" mit essentiellen Fragen im Leben junger Muslime in der westlichen Welt.

In seinen kurzen Clips beschäftigt sich „Abdullah-X“ mit essentiellen Fragen im Leben junger Muslime in der westlichen Welt.

Wenn der Propaganda-Krieg gegen Islamisten gewonnen werden will, dann muss allerdings mehr passieren. „Abdullah-X“ kann hier nur ein Anfang sein. Auch in allen anderen Bereichen muss das „Schlachtfeld Internet“ zurückerobert werden. Der christliche Teil des Westens kann hier nicht Hauptakteur sein. Die einzige Sprache, welche von sich radikalisierenden Jugendlichen noch verstanden wird, ist die des aufgeschlossenen toleranten Islam. Soziale Netzwerke, das Sprachrohr des Internets und der Jugend, müssen gefüllt werden mit modernen islamischen Vorstellungen. In der muslimischen Welt geschieht das bereits. Es gibt zahlreiche satirische Darstellungen radikaler Islamisten. Humor und Aufklärung sind unbezwingbare Waffen. In Europa und den USA regiert hingegen noch der moralisch erhobene Zeigefinger. Hier schwächelt die Counter-Propaganda. Westliche Clips und Internetseiten, klingen wie ein Eingeständnis der Unterlegenheit gegenüber den Rattenfängern der Islamisten. Das muss sich dringend ändern.

 

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