Islamisierung – Was ist das eigentlich?

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Die Angst vor einer „Islamisierung“ ist allerorten greifbar. Ob auf AfD-Wahlplakaten oder in den Straßen Dresdens. Doch gibt es sie wirklich oder sind es ganz andere Kulturen, welche unser schönes Heimatland klammheimlich umkrämpeln? Diese Fragen stelle ich mir in diesem kleinen Text. Über Mitarbeit und Diskussion würde ich mich in den Kommentaren sehr freuen.

Islamisierung – Was ist das eigentlich? Aus wissenschaftlicher Perspektive ist mit dem Begriff Islamisierung ein kollektiver Umwandlungsprozes gemeint. Die Bevölkerung eines mehrheitlich nicht-muslimischen Landes wandelt sich zu einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung. Dies geschieht vorwiegend durch Konversion, also dem Glaubensübertritt von einzelnen Menschen. Historisch betrachtet meint der Begriff Islamisierung vorwiegend die Ausbreitung des Islams von der arabischen Halbinsel während und kurz nach dem Leben des Propheten Mohammed.

Ausbreitung des Islam

Ausbreitung des Islam

Diese Ausbreitung erstreckte sich bis zum gesamten Norden Afrikas in westlicher Richtung, sowie dem Perserreich und Indonesien im Osten und in die heutige Türkei und in Teile Russlands im Norden.

„Islamisierung“ gilt heute jedoch auch als ein politisches Schlagwort. Es ist vielfach aus rechtspopulistischen Kreisen von einer „Überfremdung“ der jeweiligen Nation zu hören. Es wird gewarnt und vor einer scheinbaren „Islamisierung“ gedroht. Neben rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien findet das politische Schlagwort auch Einzug in der „bürgerlichen“ Protestbewegung „PEGIDA“ (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes). Sie trägt die „Angst vor Islamisierung“ sogar im Namen. Ähnlich der jüngsten Partei AfD (Alternative für Deutschland), kommt das Unbehagen gegenüber „dem Fremden“ augenscheinlich nicht mehr nur aus einem extrem rechten Spektrum, sondern aus der „Mitte der Gesellschaft“. So zumindest „PEGIDA“- und AfD-Spitzen.

Die AfD-Kandidatin Karina Weber aus Hamburg sollte noch einmal in sich gehen und überlegen, ob "wir" wirklich die Kultur von Zuwanderern annehmen, wie sie auf dieser Wahlwerbung suggeriert.

Die AfD-Kandidatin Karina Weber aus Hamburg sollte noch einmal in sich gehen und überlegen, ob „wir“ wirklich die Kultur von Zuwanderern annehmen, wie sie auf dieser Wahlwerbung suggeriert.

Doch was verbirgt sich hinter diesen Ängsten. Hohle Phrasen wie „Maria statt Sharia“ à la NPD sind relativ eindeutig. Schwieriger wird es, die subjektiven Ängste und Vorstellungen von „Islamisierungen“ im „bürgerlichen Millieu“ zu identifizieren. Schaut man sich das Positionspapier von „PEGIDA“ an, so findet man folgende Aussagen:

13. PEGIDA ist FÜR die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur!

Diese Aussage ist recht allgemein gehalten und prinzipiell nichtssagend, da „PEGIDA“ nicht definieren kann, was christlich-jüdische Werte eigentlich sind. Als das „Abendland“ wird zwar Europa (und gelegentlich auch Amerika) bezeichnet, jedoch wird vergessen, dass sowohl das Judentum, als auch das Christentum ihre Ursprünge eben nicht in diesem sogenannten „Abendland“ haben.

16. PEGIDA ist GEGEN das Zulassen von Parallelgesellschaften/Parallelgerichte in unserer Mitte, wie Sharia-Gerichte, Sharia-Polizei, Friedensrichter usw.

Es ist definitiv Konsens in deutscher Politik und Gesellschaft, dass keine private Gruppierung hoheitliche Aufgaben wie Exekutive und Judikative übernehmen kann. Das Gewaltmonopol und die Gewaltenteilung sind Aufgaben, welche allein beim Staat liegen. „PEGIDA“ suggeriert hier jedoch, dass genau dies geschieht. Doch wird, auch im Falle der Wuppertaler „Sharia-Polizei“, mit allen rechtsstaatlichen Mitteln gegen diese Erscheinungen vorgegangen. Von „Zulassen“ kann also nicht die Rede sein.
18. PEGIDA ist GEGEN Radikalismus egal ob religiös oder politisch motiviert!
19. PEGIDA ist GEGEN Hassprediger, egal welcher Religion zugehörig!
Wer zwingt hier wen zu was?

Wer zwingt hier wen zu was?

Auch hier täuscht „PEGIDA“. Es wird so getan, als würde sich die Bewegung grundsätzlich gegen Extremismus und Gewalt wenden. Doch schon aus ihrem Namen wissen wir, dass nur eine bestimmte Art von Radikalismus und Hassprediger gemeint sein kann. Auch die Interviews des NDR, welche ich in meinem Beitrag „Dialog mit „PEGIDA“ – Der Versuch einer Debatte“ bereits aufgegriffen habe, sind eindeutig islamophob. Auf christlichen oder budhistischen Extremismus wird in keinster Weise eingegangen.

Aus den NDR-Aufzeichnungen lassen sich die eigentlichen Wahrnehmungen und Ängste der Menschen ableiten, die das ursprünglich rechtspopulistische Feindbild „Islamisierung“ füttern. Von ausuferndem Moscheebau, relativem und absolutem Anstieg des muslimischen Bevölkerungsanteils, Verbot christlicher Traditionen und Bräuche und der Beschneidung der Meinungsfreiheit zu Gunsten islamischer Gefühle ist dort die Rede.
Doch stimmt das? In Deutschland gibt es (Stand 2009) 206 Moscheen mit Minarett und ca. 2600 muslimische Gebetsräume, sogenannte „Hinterhofmoscheen“. Das sind lediglich 63 Moscheen mehr als fünfzehn Jahre zuvor (1994). Zum Vergleich: Es gibt in Deutschland fast 50.000 evangelische und katholische Kirchen. Es sind also lange nicht so viele Moscheen wie in mancher Menschen Köpfe. Abgesehen davon ist gegen die Erichtung muslimischer Gotteshäuser nicht das geringste einzuwenden. Im Gegensatz zur katholischen und evangelischen Kirche, werden diese und deren Personal nämlich nicht vom Staat bezahlt. Dazu kommt, dass unser Grundgesetz (GG) die freie Ausübung der Religion festlegt. Dort heißt es in Art. 4 Absatz 1, 2:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

"Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein." sagte Willy Brandt einst. Ich frage mich angesichts von PEGIDA und LEGIDA, ob Sachsen "Deutsch" bleibt, oder es weiterhin nationalistische Aufmärsche zulässt..

„Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein.“ sagte Willy Brandt einst. Ich frage mich angesichts von PEGIDA und LEGIDA, ob Sachsen „Deutsch“ bleibt, oder es weiterhin nationalistische Aufmärsche zulässt..

Auch der subjektive Eindruck der Zunahme von muslimischen Mitbürger*innen täuscht. Der überwiegende Anteil an Zuwander*inne*n kommt aus europäischen und christlichen Ländern. Und selbst aus muslimischen Ländern wie Syrien kommen größtenteils Menschen der dortigen christlichen Minderheit.
Ein anderes Vorurteil besagt, dass muslimische Frauen viel mehr Kinder bekommen, als christlich-europäische Frauen. Das mag vor ein paar Jahren noch gestimmt haben, jedoch nimmt die Geburtenrate bei muslimischen Frauen rapide ab und hat fast mitteleuropäisches Niveau erreicht oder gar unterboten (Vgl Orientdienst). Dies gilt im Übrigen nicht nur für zugewanderte Muslima, sonder auch für die Frauen in Nordafrika und dem Nahen und Mittleren Osten (Ausnahmen: Palästina, Yemen)
Immer wieder sprechen „PEGIDA“-Teilnehmer*innen davon, dass christliche Traditionen und Bräuche verboten würden. Sei es dank muslimischen Protest oder in vorauseilendem Gehorsam. Doch das ist schlicht falsch. Leider konstruieren manche Medien (ok, nennen wir das Kind beim Namen: die BILD) immer wieder schaurige Märchen, in denen alles Christliche aus unsere, Land verbannt wird. Aufklärung und Richtigstellung ist hier mühselig und kommt bei den Menschen, welche diese Lügen glauben wollen auch nicht mehr an. Sei es das Märchen vom „Wintermarkt“ oder den „islamischen Gesängen in der Weihnachtsmesse„.

Wir sehen, von einer „Islamisierung“ kann keine Rede sein. Wer das immer noch nicht verstanden hat, den frage ich nun ganz direkt: Was müsste eigentlich passieren, damit wir es wirklich mit einer Islamisierung zu tun hätten? Ist es nicht so, dass der Islam in unsere Kultur Einzug erhalten müsste? Selbst wenn die christliche oder atheistische Bevölkerung hierzulande nicht konvertiert, müsste sie doch das Schweinefleisch und sämtlichen Alkohol aus ihren Supermarkt-Regalen verbannen. Sie müsste Redewendungen wie „Gott sei Dank“ in „Alhamdulillah“ oder „so Gott will“ in „inshallah“ ändern. Frauen, ob Muslima oder nicht, müssten sich verschleihern. Der Religionsuntericht in Schulen würde von islamischen Theologen abgehalten und anstatt dem 25./26. Dezember gäbe es Feiertage zum Opferfest und für das Fastenbrechen. Achja, den Gregorianischen Kalender bräuchten wir dann auch nicht mehr. Und aus dem freien Sonntag wird der freie Freitag (wie witzig! :D)
Nichts davon passiert gerade und nichts davon wird passieren. Ganz im Gegenteil, die hier lebenden Muslime feiern an Weihnachten, bleiben Sonntags zuhause und es soll sogar einige unter ihnen geben, die Schweinefleisch essen, Alkohol trinken und den christlichen Religionsuntericht besuchen.

Schreckensszenario

Schreckensszenario

Immer noch nicht klar geworden? Gut, ich habe noch ein Beispiel: Eine wirkliche „-isierung“ findet tatsächlich seit einigen Jahrzehnten statt. Es ist die „Amerikanisierung„. Englische Wörter und Redewendungen finden Einzug in die deutsche Sprache. Sportarten (Basketball, Football) und Feierlichkeiten (Halloween) werden hierzulande aufgegriffen und adaptiert. Kleidungsstil (Jeans und so ziemlich alles andere) und Musik werden bedingungslos vom anderen Ende der Welt importiert. Film, Kunst und Kultur: alles „eingedeutscht“ Es mag der Eindruck entstehen, außer ein paar Lederhosen und nem Stück Mauer in Berlin gibt es nichts deutsches mehr. Aber juckt das irgendjemanden? Nein.

Wer jetzt immer noch an eine drohende „Islamisierung“ glaubt, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Der oder die können dann getrost diese Seite verlassen. Mit allen Anderen möchte ich gemeinsam überlegen, wie wir unser Verständnis von Islam, und den Islam selbst, so ändern können, dass er vollständig als Teil europäischer Kultur verstanden wird.
Eine mögliche Lösung ist die Idee des „Euro-Islam“ von Bassam Tibi. Hierbei geht es darum, dass sich in Europa lebende Muslime mit den westlich-europäischen Werten identifizieren. Eine Symbiose dieser Werte mit denen des Islams soll geschaffen werden. Dies würde zum einen eine Distanzierung von Sharia und extremistischem Dshihad bedeuten und zum anderen nicht viel mehr, als das selbe säkulare Verständnis welches Christen und Juden haben, wenn sie vom „jüdisch-christlichen Abendland“ sprechen. Meine These lautet: Wenn sich eine eigene europäische Auslegung des Islam etabliert hat, unabhängig von islamischen Strömungen und Rechtsschulen und wenn die theologischen Verindungen in muslimische Herkunftsländer gekappt sind, wird auch der letzte Depp verstehen, dass Islam nicht gleich Terror ist und dass er weder besser noch schlechter ist als alle anderen Religionen.
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