İstanbul’da – In Istanbul Teil II

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Ich schreibe diesen zweiten Teil meiner Istanbuler Reise, während ich auf einem blauen Sitz im Regionalexpress 9 von Köln nach Siegen fahre. Ich bin fast zu Hause, aber mein Gefühl sagt mir, dass mein Zuhause seit gestern Abend ganz weit weg ist. Ich habe mich ein wenig verliebt. In eine Stadt und ihre Bewohner. Ich habe noch mehr Menschen kennengelernt. Noch mehr gesehen und erfahren. Noch mehr probiert und gekostet. Kulinarisches, Kulturelles und Historisches.

Die Stadt

Ist.Mär.3.2 (8)
Wolkenkratzer in Levent
Ist.Mär.3.4 (6)
Streetart in einer Seitenstraße

Wer die historische Altstadt verlässt, kommt in andere Istanbuler Stadtzentren. In Levent zum Beispiel entstehen riesige Giganten aus Stahl, Beton und Glas. Spuren des türkischen Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre.
Streetart gibt es auch in Istanbul zu bestaunen. Teilweise sind ganze Gassen ein einziges Kunstwerk. Neben aufwendigen Bilderlandschaften gibt es auch zahlreiche kleinere Werke. Es sind nahezu alle Stile vertreten. Es gibt neben Snoopy und Spongebob auch politische Schriftzüge. Besonders viele und aufwendig gestaltete Graffiti finden sich in den Seitenstraßen der unteren Istiklal und um den Galataturm.
Urban Gardening beschäftigt mich in Neuss. Auch hier ist es ein Thema. Allerdings nicht als neumodische Möglichkeit Stadt und Land wieder zu verknüpfen, sondern als traditionelles Überbleibsel. Um Yedikule, die „Burg der sieben Türme“, wurden zahlreiche kleine Gärten angelegt, in denen Gemüse angebaut wird. Ohne den politischen Segen ein Dorn im Auge der städtischen Regierung.

Ist.Mär.2.7 (4)
Nächtliches Bosporus-Ufer in Bebek
Ist.Mär.3.1 (77)
Straßenmarkt am Sonntag

Das Istanbul eine kontrastreiche Stadt ist, habe ich bereits im ersten Teil geschildert. Auch in den letzten beiden Wochen wurde dies an vielen Stellen wieder deutlich. In Bebek fühlt man sich an den Ufern des Bosporus an Venedig erinnert. Wasser, welches gegen die hölzernen Hausfassaden schaukelt, trägt eine vertäute Nussschale. Besonders bei abendlichen Spaziergängen ein romantischer Anblick.
In vielen Stadtteilen gibt es Wochenmärkte. Jeden Sonntag ist die gesamte Straße, auf der ich wohne, nicht wieder zu erkennen. Es gibt hier alles Nötige zu kaufen. Hauptsächlich Gemüse, Obst, Gewürze, Eier, Fisch, Käse und Oliven. Aber auch Kleidung und Haushaltswaren werden angeboten. Die Lebensmittel sind definitiv frisch und lecker. Man kann auch alles vor dem Kauf probieren. Man glaubt es kaum, einige Produkte werden sogar betont als Bio-Ware verkauft. Von den niedrigen Preisen ganz zu schweigen.

Die Menschen

Ist.Mär.3.4 (26)
Syrische Flüchtlingskinder

Im dichten Gedränge der Märkte sind alle Menschen gleich. Touristen, Wohlhabende und die ärmsten Einheimischen schieben sich vorbei an aufgetürmtem Gemüse. Eine neue Istanbuler Bevölkerungsschicht ist auch darunter. Kriegsflüchtlinge. Als Folge des Krieges in Syrien sind über eine Millionen Menschen in die Türkei geflohen. Es zieht sie in die größeren Städte, um dort als Tagelöhner auf dem Bau etwas Geld zu verdienen. Die Kinder werden zum Betteln auf die Straße geschickt. In den Abendstunden kommen weiße Lieferwagen der Polizei, um diese einzusammeln. Viele der Passanten ignorieren die bettelnden Kinder größtenteils oder zeigen sich von ihnen belästigt. Die humanitäre Katastrophe in Syrien setzt sich auf den Straßen Istanbuls lediglich fort. Die Forderung nach einer Aufnahme von mehr Flüchtenden in Europa ist nach diesen Eindrücken unerlässlich. (Einen kleinen Einblick in das Leben der Flüchtlingskinder bietet dieser RTL-Beitrag)

Ist.Mär.4.1 (18)
Kurdische Jugendliche nach einer Newroz-Feier

In meinen vier Wochen in Istanbul, habe ich mich jedoch nicht nur als stiller Beobachter betätigt, sondern ebenso den Kontakt zu Menschen gesucht. Ich habe spannende, liebe und tolle Menschen kennenlernen dürfen. Die Offenheit und Gastfreundschaft sind mir immer wieder positiv aufgefallen. Ob nachts um ein Uhr auf der Straße oder vor der Frischetheke im Supermarkt. Nach drei gewechselten Sätzen mit völlig fremden Menschen wurde ich zum Kaffee oder Essen eingeladen.
Es ist spannend sich dann mit verschiedenen Menschen zu unterhalten. Während ich in Deutschland häufig Gesprächspartner habe, die eine mir ähnliche politische Einstellung haben, bot sich mir nun, durch eine bewusste Neutralität, die Möglichkeit verschiedene Lager kennenzulernen. Ich trank Kaffee mit sehr regierungsnahen und religiösen Menschen. Hörte ihrer Kritik an Atatürk zu und den Erfolgen Erdoğans. Im Gespräch mit Kemalisten änderte sich der Blickwinkel um 180°. Ich unterhielt mich über kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Türken ebenso wie über die gemeinsame Geschichte beider Nationen. Ich war verblüfft, welchen Stellenwert die deutsche Kaiserzeit im türkischen Geschichtsunterricht einnimmt. Besonders wenn man sie mit dem nicht vorhanden Anteil türkischer Geschichte in deutscher Schulbildung vergleicht.
Tagespolitisch wurde mir erklärt, warum sich die aktuelle Regierung, trotz zahlreicher Skandale und Abbau von Freiheiten, so gut im Amt halten kann. Ebenso erklärte mir ein Regierungsbefürworter, warum das gut ist. Eine eigene Meinung zur türkischen Politik fällt mir schwerer als vor meinem Istanbul-Aufenthalt. Nicht, weil mich die „andere Seite“ überzeugen konnte, sondern, weil türkische Politik vielschichtiger ist, als der Tenor unserer Medien.

Am dritten Wochenende habe ich leider ne ziemlich dicke Party verpasst. Auch in Istanbul wurde in der kurdischen Bevölkerung das Nouruz-Fest (kurd: Newroz) gefeiert. Es wird bei den Kurden nicht nur als ein Neujahrsfest angesehen. Es symbolisiert auch Gedanken an Aufstand gegen die jeweiligen Machthaber, die die kurdische Bevölkerung unterdrücken. Ich kam leider erst Nachmittags am Ort des Spektakels an. So sah ich nur noch die Reste.
An schwerbewaffnete Polizisten und haufenweise Wasserwerfer habe ich mich zwar schon gewöhnt, doch die Anzahl an  diesem Tag war schon beeindruckend. Am Rande der Veranstaltung muss es auch zu ein paar Auseinandersetzungen gekommen sein. Ich fand zerbrochene Glasscheiben einer Infosäüle, herausgerissene Straßenschilder und herausgebrochene Pflastersteine. Zahlreiche kleinere und größere Feuer brannten. Tschahar Shanbe Suri (persisch) bedeutet Mittwochsfeuer und wird eigentlich am Vorabend des letzten Mittwochs angezündet. Doch auch am zweiten Tag des Newroz-Fests brannten überall kleine Feuer. Feuer, durch die Jugendliche sprangen. Übrigens nicht nur Jungs. Das Feuer dient als ein Zeichen für die Freiheit und ist in der kurdischen Mythologie ein wichtiges Element. Es hat bis heute an seiner Aktualität nichts verloren, da die Kurden in den meisten Gebieten immer noch nicht ihre kulturelle Freiheit erlangt haben. Ein älterer Kurde kam auf mich zu und deutete mir, auch durchs Feuer zu springen es wäre „çok güzel“

Die Sprachschule

Um einmal auf den eigentlichen Grund meiner Reise zu kommen, es ging ja um einen Sprachkurs. Vier Wochen lang besuchte ich die Sprachschule Dilmer in unmittelbarer Nähe zum Taksim-Platz. Es werden verschiedene Kurse angeboten. Ich entschied mich für einen vierwöchigen Intensivkurs, der montags bis freitags von neun bis 13 Uhr stattfindet. Die Kosten für einen Kurs liegen bei ca. 300€. Angeboten werden sieben verschiedene Sprachlevel. Ich besuchte das Erste. Schon nach wenigen Tagen sprach unsere Lehrerin fast nur noch Türkisch mit uns. Wir lernten schnell die Zeitformen der Gegenwart und einfachen Vergangenheit, Personalendungen und die Endungen für einige Fälle. Auch die jeweiligen Negierungen und Fragemöglichkeiten wurden uns gelehrt.
Türkisch ist eine leichte und logische Sprache. Und zumindest wir deutschen Teilnehmer hatte mit der Aussprache nahezu keine Probleme. Alles wird exakt so ausgesprochen, wie es geschrieben wird. Am ersten Tag konnten wir uns schon gegenseitig vorstellen und nach dem Befinden der anderen Fragen. Wie wir einkaufen oder einen Tee bestellen, wussten wir nach einem weiteren Tag. Schon in der zweiten Woche erzählten wir jeden Morgen der Reihe nach, was wir am Vortag nach dem Kurs gemacht haben. Das ständige Sprechen und Hören der türkischen Sprache hilft sehr, wenn man ein gewisses erstes Gefühl dafür entwickeln möchte. Stolz war ich, als ich mein erstes türkisches Verkaufsgespräch führte. Bei einem Gewürzhändler wurde ich auf Englisch begrüßt, antwortete dann jedoch stur mit Türkisch. Der Händler ließ sich darauf ein und ich bekam alles, was ich kaufen wollte. Ohne Deutsch, ohne Englisch.
Ich kann den Sprachkurs bei Dilmer als Einstieg nur empfehlen. Die Lehrenden sind kompetent, unglaublich nett und zumindest in meinem Kurs hatten wir unglaublich viel Spaß zusammen. (Was sicherlich auch an den fast täglich mitgebrachten Leckereien einiger Teilnehmerinnen lag ;))

Die Sehenswürdigkeiten

Ist.Mär.3.6 (19)
Außenansicht des Topkapi-Harem

Auch im zweiten Teil meines Aufenthalts habe ich einige Sehenswürdigkeiten und Museen besichtigt. Wenn man ausreichend Zeit zur Verfügung hat, geht das sehr gut mit einer Museumskarte. Da gibt es 72 Stunden Museumsspaß für 85TL. Sie gilt für den Topkapı-Palast (incl. Harem), die Hagia Sofia, die Hagia Irene, das Archäologische Museum, das Mosaik Museum und das Museum für türkische und islamische Kunst.

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Innenansicht Topkapi-Harem

Begonnen habe ich mit dem Topkapı-Palast. Einem typischen Touristenmagnet. Leider, denn in einige Gebäudeteile der Anlage bin ich gar nicht erst reingegangen. Viel zu viele TouristenDoch da man für den Harem extra bezahlen muss, war es dort etwas leerer. Unzählige Kammern und Räume dienten den Konkubinen des Sultans als Aufenthaltsräume. Aufwendige Wandmalereien und farbfroh gestaltete Kuppeln zieren alle Räume. Besonders detailreich sind die Fliesen, die einen Großteil der Fläche einnehmen. Doch nicht nur die Innenwände sind gefliest. Manche Gebäude sind auch von außen bunt und detailreich. Im Harem wurden übrigens bis zu 2000 Frauen untergebracht, von afrikanischen Eunuchen bewacht und von der Sultansmutter geleitet.
Im heutigen Museum sind die Räume leer und kalt. Harter Steinboden und blubbernde Wasserbecken lassen nicht gerade ein wohnliches Gefühl aufkommen. Anders ist es nur in wenigen Räumen des Harems. Hier liegen Teppiche zu Ansicht. Die Sitzkissen an den Wänden runden das Bild ab. Wer sich jetzt noch vorstellt, dass ein Kamin im Raum brennt, kann es hier durchaus gemütlich finden.
Der Palast besteht übrigens nicht aus einem einzelnen, sondern getreu der türkischen Tradition aus mehreren Gebäuden in einem großen Garten. Mit einer Fläche von über 69 Hektar und bis zu 5000 Bewohnern war der Palast eine eigene Stadt. Der Topkapı-Palast wurde nach der Eroberung Konstantinopels als Sitz der osmanischen Herrscher errichtet. Wer eine Stadt als Palast sein Eigen nennt, benötigt auch eine entsprechend große Küche. Im Topkapı-Palast befindet sich diese längs an der Ostseite. Hier wurden täglich bis zu 6000 Mahlzeiten zu bereitet.

Ist.Mär.3.7 (40)
Gräberwand im Archäologischen Museum

Das Archäologische Museum besteht aus einem ganzen Gebäudekomplex und befindet sich neben dem Topkapı-Palast.
Die Sammlungen umfassen rund 15.000 archäologische Stücke aus Mesopotamien, aus der assyrischen, sumerischen, akkadischen, babylonischen und ägyptischen Antike, dem prähistorischen, griechischen, römischen und byzantinischen Kleinasien sowie der vorislamischen und islamischen arabischen Kultur. Im ’neuen Flügel‘ sind zahlreiche Gebrauchsgegenstände aus Anatolien ausgestellt. Darunter Gefäße, Klingen und Werkzeug. Auch ist eine scheinbar unendlich große Sammlung an Steinsarkophagen zu bestaunen. Auch trojanische Funde werden ausgestellt.
Nicht weit entfernt liegt die „Blaue Moschee“, die eigentlich Sultan-Ahmed-Moschee heißt. Sie ist heute Istanbuls Hauptmoschee. Gebaut wurde sie von 1609 bis 1616. Auch weltweit gehört die, 10.000 Menschen fassende, Moschee zu den „ganz großen“ Sie hat 6 Minarette und nur die Prophetenmoschee in Medina mit 10 und die Hauptmoschee in Mekka mit 9 Minaretten haben mehr Minarette.

Ist.Mär.3.7 (48)
Mosaikmuseum

Das kleine Mosaikmuseum steht auf den Grundmauern des Byzantinischen Palastes. Gleich hinter der Blauen Moschee. Es zeigt aufwendig restaurierte Mosaiken. Im Prinzip ist das Museum um ein sehr großes Bodenmosaik herum gebaut.
Ebenso fußläufig erreichbar ist das Museum für türkische und islamische Kunst. Es birgt die weltweit umfangreichste und aufgrund ihrer Qualität eine der wichtigsten Sammlungen an Teppichen mit ca. 1700 Exemplaren. Man sieht allerdings nicht alle. Zahlreiche Koran-Ausgaben und Kafligrafien, Keramiken, Holzschnitte und persische Miniaturmalereien sind dort ebenfalls anschaulich ausgestellt.
Wer es weniger historisch möchte, kommt im Museum Istanbul Modern auf seine Kosten. Auf zwei Etagen und 8000m² wird hier türkischen Künstlern Ausstellungsfläche geboten. Somit kommt die Türkei seit 2004 der steigenden internationalen Nachfrage nach moderner Türkischer Kunst nach. Die aktuelle Ausstellung “Magnum – Contact Sheets” (zu sehen bis 8/15) zeigt einige weltberühmte Fotografien und deren Entstehungsprozesse. Neben den Fotografien wird stets der ganze Film gezeigt. Die Ausstellung ermöglicht also, die Manipulationskraft eines Fotos in Teilen außer Kraft zu setzen.

Der Demokratie-Park

Ist.Mär.3.3 (6)
Willy Brandt im Demokratie-Park

Auf der Suche nach Zutaten für Sushi kam ich durch einen kleinen Park hinter dem Militärmuseum. Direkt im Eingangsbereich stehen auf der einen Seite, im Halbkreis um einen Springbrunnen, Büsten der osmanischen Herrscher. Ganz rechts (und ein bisschen größer als alle andern) befindet sich Staatsgründer Atatürk. Den Büsten gegenüber befindet sich eine vielleicht fünf oder mehr Meter hohe Statue Atatürks. Mitten im Park befindet sich eine Installation. Ein Rednerpult und Artikel 19 der Menschenrechtscharta („Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung […]“) auf Türkisch und Englisch sind zu sehen. Ob man das, aufgrund der aktuellen Politik hier, zynisch nennen kann, überlasse ich jedem Selbst.
Am anderen Ende des Parks finden sich 4 weitere Büsten. Drei der gezeigten Personen sind mir unbekannt. Die Vierte ist für mich umso wichtiger: Willy Brandt. Zitiert mit: „Wer Unrecht lange geschehen lässt, bahnt dem nächsten den Weg.“

Es gibt noch viel zu erledigen in Istanbul. Die Gesellschaft, die ich dort kennen lernte, ist eine offene und moderne, zeitgleich aber traditionsbewusste Gesellschaft. Viele europäische Standards wurden integriert. Vieles wurde modernisiert. Nicht immer war das allerdings auch gut. Meiner Meinung nach hat die Türkei neben vielen anderen Baustellen auch ein Konsum, bzw. Ressourcen-Problem. Gerade der verschwenderische Umgang mit Plastik, hat mir zu Denken gegeben. Auch von Internetzensur war ich betroffen. Die Türken, mit denen ich sprach, bewundern Deutschland und Europa. Viele nehmen sich unsere Länder als Vorbild. In Sachen Umweltschutz finde ich das begrüßenswert. Vielleicht habe ich eines Tages die Gelegenheit die vereinzelten Projekte in der Türkei bei diesem Thema zu unterstützen.
Wieder nach Istanbul reisen werde ich auch jeden Fall. Hoffentlich schon im Sommer…

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1 Gedanke zu „İstanbul’da – In Istanbul Teil II

  1. Lieber Navid,
    vielen Dank für Deinen schönen Bericht. Ich kann Dein „Heim“weh gut verstehen. Was für eine fantastische Stadt.
    LG Gruß
    Dieter

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