Türkei setzt bei Atompolitik auf Werbung mit Kindern

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AKW Standorte

Die Standorte der ersten beiden AKWs auf türkischem Boden

Die Türkei steht vor einem energiepolitischen Problem. Der Stromverbrauch ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen und diese Entwicklung wird sich noch weiter fortsetzen. Während die AKP-Regierung auf Kernkraft setzt und dafür sogar Kinder instrumentalisiert, wächst der Widerstand in der Bevölkerung. Dabei hätte die Türkei mehr als ausreichendes Potenzial für erneuerbare Energien, sowohl was Wind, als auch Sonne angeht. Versuchen wir einmal einen tieferen Blick in die türkische Energiepolitik zu werfen und legen dabei den Fokus auf das Streben nach nuklearer Stromerzeugung und deren Alternativen.

Vor einem Monat kam es in der gesamten Türkei zu einem Stromausfall, der fast neun Stunden andauerte. Die Ursache ist immer noch nicht abschließend geklärt. Die Verkettung ungünstiger Zufälle oder ein Cyper-Angriff sind verschiedene Theorien. Vielleicht etwas weit hergeholt klingt der Verdacht des CHP-Abgeordneten Umut Oran, der hinter dem Blackout eine „Werbemaßnahme“ für Atomkraft vermutet. Fest steht jedenfalls, dass Premierminister Erdoğan während des Stromausfalls betont habe, dass die Türkei einen zunehmenden Bedarf an Kernenergie hätte. Er kündigte den Bau eines dritten Atomkraftwerks an.

Strommix Türkei - Quelle: Turkish Electricity Transmission Company, 2013

Strommix Türkei – Quelle: Turkish Electricity Transmission Company, 2013

Auch wenn der türkische Wirtschaftsboom etwas nachgelassen hat, die Industrie zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer wächst. Und mit ihr auch der Wohlstand und ebenso der Hunger nach Energie. Verbrauchte die Türkei im Jahr 2003 noch 131,9 Terrawatt pro Stunde (TWh), sind es zehn Jahre später bereits 235 TWh (Vgl. DTN). Das ist ein Zuwachs von knapp 80%. Zum Vergleich: Der deutsche Verbrauch lag sowohl in 2003 als auch 2013 bei ungefähr 600 TWh. Laut der türkischen Zeitung Hürriyet, prophezeit der türkische Energieminister Taner Yıldız, einen Anstieg des Energieverbrauchs seines Landes in den nächsten 10 Jahren auf 450 TWh.

Auch Taner Yıldız ist Befürworter der Kernenergie. Zurzeit ist noch kein Atomkraftwerk auf türkischem Boden aktiv. Der Strommix des Mittelmeerstaates setzt sich zu über 40% aus Gas, fast 30% Kohle und 24% Wasserkraft zusammen. Der Anteil übriger erneuerbarer Energien schlug 2012 mit 3,6% nur geringfügig zu Buche. (Zum Vergleich in Deutschland.: Kohle 37%, Kernenergie 16%, Gas 12% und Erneuerbare 22%)

Der türkische Staatschef Erdogan (l.),  Japans Premierminister Shinzo Abe (m.) und Russlands Präsident Wladimir Putin (r.)

Der türkische Staatschef Erdogan (l.), Japans Premierminister Shinzo Abe (m.) und Russlands Präsident Wladimir Putin (r.)

Schon seit 1965 gibt es in der Türkei die Absicht in das Geschäft mit dem Atomstrom einzusteigen. Mehrere Anläufe in den 70er Jahren scheiterten jedoch. Erst mit der Regierung Erdoğans kommt wieder Bewegung in das Unterfangen. Am 16. März 2011, nur wenige Tage nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima, vereinbarten Erdoğan und der russische Ministerpräsident Wladimir Putin in Moskau den Baubeginn des ersten Atomkraftwerks in der Türkei. Das Vorhaben an der Mittelmeerküste bei Akkuyu war ein Jahr zuvor beschlossen worden. Entstehen sollen 4 Reaktoren, welche voraussichtlich jährlich 35 Twh produzieren sollen. Die Kosten des Projektes werden derzeit auf 22 bis 25 Mrd US-Dollar geschätzt. Spatenstich in der Provinz Mersin war vor zwei Wochen. Das Bauvorhaben soll 2020 fertiggestellt werden.
Auch ein zweites vergleichbares AKW mit 4 Reaktoren ist bereits beschlossene Sache. Dieses wird an der Schwarzmeerküste in Sinop durch japanische und französische Firmen gebaut. Am 1. April diesen Jahres ratifizierte das türksiche Parlament den anderthalb Jahre zuvor unterzeichneten Vertrag mit  Shinzo Abe, dem Premierminister Japans.

Doch in der türkischen Bevölkerung nimmt die Ablehnung der Bauvorhaben stetig zu. Alle unternommenen Schritte, seien es Vertragsabschlüsse oder der Spatenstich, werden von Protesten begleitet. Zwar glauben die unmittelbaren Anwohner von Akkuyu und Sinop nicht, dass sie die Vorhaben der AKP-Regierung aufhalten können, doch machen sie, und Umweltschützer, immer wieder auf die Gefahren von Atomenergie aufmerksam. Gefährdet sind die Anlagen ohnehin im besonderen Maße. Der Standort Akkuyu liegt in einem Gebiet, in dem mehrere tektonische Platten aufeinandertreffen. Erdbeben bis zu einer Stärke von 7,9 sind hier keine Seltenheit. Beim letzten großen Erdbeben in der Türkei kamen bis zu 20.000 Menschen ums Leben.
Eine Tsunami-Gefahr sieht Minister Yıldız im Mittelmeer nicht, auch wenn diese von Geologen immer wieder angemahnt wird. Auch habe man ja ohnehin die viel bessere Technik als in Fukushima, erklärt der Minister weiter.
Schon unter der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl litt die türkische Bevölkerung stark. Im April 1986 wurde die gesamte Schwarzmeerküste verstrahlt. Das Internetportal qantara.de berichtet, warum die türkische Bevölkerung nichts mehr mit Atomenergie zu tun haben möchte: „Der zuständige Minister habe sogar im Fernsehen Tee getrunken und erklärt, dass ein wenig Strahlung noch niemandem geschadet habe. Alles nur, um die Tee-Ernte zu retten.“ Doch der unbekümmerte Umgang der damaligen Behörden rächt sich heute bitterlich. „Jetzt haben alle in ihrer Verwandtschaft Krebs und auch die Krankenhäuser in der Schwarzmeerregion sind überfüllt mit an Krebs erkrankten Patienten“, so qantara.de weiter.

“Leistungsstarke Türkei durch neue Energie – Atomkraft Akkuyu” - Werbeplakat

“Leistungsstarke Türkei durch neue Energie – Atomkraft Akkuyu” – Werbeplakat

Dass die AKP-Regierung keine Gelegenheit aussetzt, für Atomkraft zu werben, sieht man nicht nur an den teilweise geschmacklosen Reden von Yıldız und Erdoğan (letzterer bezeichnet Umweltaktivisten schon mal als „Fortschritsverhinderer“ und „Terroristen“), sondern auch an staatlichen Inszenierungen. Am 23. April ist aus zweierlei Gründen türkischer Nationalfeiertag. Ein Grund ist Çocuk Bayramı, das Fest des Kindes. An diesem Tag sitzen Kinder in der Regierung, denn sie sind die Zukunft des Landes und dürfen als solche ihre Wünsche und Vorstellungen neben Ministerpräsident und Staatspräsident und vor laufender Kamera äußern. Der Verdacht liegt allerdings nahe, dass die amtierende Regierung die Kinder zu ihren Zwecken instrumentalisiert. In einem auf youtube veröffentlichten Videoausschnitt trägt ein Junge sinngemäß vor: „Eines der wichtigsten Probleme unseres Landes ist die Elektrizität. Russland hat 1956 seine Atomenergie eingeführt, aber wir haben jetzt 2015 und immer noch keine Atomenergie. Unser Land ist zu schlecht in dieser Sache“ Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu antwortet ihm darauf lächelnd: „Ja, wir haben das Problem schon erkannt und eröffnen bald das Atomkraftwerk in Akkuyu“ Jeder ist natürlich frei sich das Video selbst anzuschauen, ich meine jedoch, der Junge hatte seinen Text auswendig gelernt.
Auf Kinder setzt man auch an anderer Stelle. Auf den Werbeplakaten zum AKW Akkuyu sieht man drei Jungs mit Fahrrädern und dem Spruch „Leistungsstarke Türkei durch neue Energie – Atomkraft Akkuyu“. Die Kritik bleibt nicht aus. Im Internet finden sich Bilder der Werbung, denen Fotos von Kindern entgegengesetzt werden, die durch Strahlung körperliche Missbildungen erlitten haben.

Oben: "In der Werbung: Atomenergie mit Kindern" Unten: "In Echt: Kinder unter dem Einfluß von Atomenergie"

Oben: „In der Werbung: Atomenergie mit Kindern“
Unten: „In Echt: Kinder unter dem Einfluß von Atomenergie“

Ungeachtet aller Tatsachen schreitet die türkische Regierung auf ihrem Weg ins nukleare Zeitalter voran. Kritik wird stoisch ignoriert und die immer gleichen Parolen angeblicher Vorteile ausgegeben. Darunter auch das Märchen von neuen Arbeitsplätzen. Doch mangelt es der Türkei an fachlichem Personal für den Betrieb eines AKWs. Mit Hilfe russischer Stipendien werden im Eiltempo junge Türken in Moskau ausgebildet. Versprochene Arbeitsplätze für die Bevölkerung in Sinop und Akkuyu dagegen wird es wohl nur wenige geben.

Auch die Entsorgungsfrage der Brennstäbe ist völlig ungeklärt, berichten die Deutsch-Türkischen Nachrichten. Es gibt weder konkrete Vorschläge noch Ansätze für Zwischen- und Endlagerung des atomaren Mülls. Niemand weiß momentan, ob Russland den strahlenden Sondermüll wieder an sich nimmt, oder ob das gefährliche Material irgendwo in der Türkei verscharrt wird. Und das, während die Baumaßnahmen schon begonnen haben.

Unerwartete Unterstützung erhält die türkische Bevölkerung von einem japanischen Regisseur. Der Mann wendet sich in einem ebenfalls auf youtube veröffentlichten Video an die Türken. Das Video kommt derzeit auf 120.000 Klicks und zeigt einen Mann vor einer Kamera sitzen. Er spricht Türkisch, was er, nach eigenen Angaben, für diese Botschaft gelernt oder zumindest geübt hat. Während Bilder einer Ortschaft in der Nähe von Fukushima zu sehen sind, beschreibt er die Lage vor Ort zweieinhalb Jahre nach dem Unglück. Er berichtet von den immer noch großen Problemen, die Situation unter Kontrolle zu bekommen. Von der Verwüstung und von der Strahlung. Von der Gefahr.  Da die japanische Regierung in der Türkei nun ein AKW bauen möchte, bittet er, stellvertretend für die japanische Zivilbevölkerung, die Türken um Verzeihung. Er sagt, viele Japaner wären heute gegen Atomkraft, weil ihnen bewusst geworden ist, dass diese Technologie nicht sicher ist. „Japan ist ein Land, welches für seinen wirtschaftlichen Erfolg, seine Zukunft geopfert hat.“, fasst der Regisseur seinen Beitrag zusammen und bittet die türkische Bevölkerung nochmals um Verzeihung. Er rät den Türken niemandem zu trauen und möchte die Bevölkerung der Türkei zum Nachdenken bringen, ob wirtschaftlicher Erfolg wichtiger ist als die Erhaltung der Natur und der Gesundheit.

Ein japanischer Regisseur richtet sich an die Türken. Er entschuldigt sich und warnt vor unsicherer Atomenergie

Ein japanischer Regisseur richtet sich an die Türken. Er entschuldigt sich und warnt vor unsicherer Atomenergie

Die Erhaltung der türkischen Natur und Gesundheit, wie es der Japaner empfohlen hat, ist zudem leicht umsetzbar, sicherer und sogar kostengünstiger. Eine 180°-Wende in der türkischen Energiepolitik scheint momentan zwar höchst unwahrscheinlich, wäre jedoch sinnvoll und aus vielen Gründen besser.
Zum Beispiel aus Kostengründen. Gerade wir in Deutschland wissen wir schon lange, dass nach Bau- und Betriebskosten eines Atomkraftwerkes noch lange nicht Schluss ist. Abbau- und Lagerungskosten fressen unvorstellbare und ebenso unkalkulierbare Geldmengen. Bei Windkraft zum Beispiel sieht das anders aus. Das Online-Magazin Telepolis hat den Vergleich gemacht. Demnach betragen die geschätzten Baukosten für einen Reaktor rund 4,5 Mrd Euro. Für das gleiche Geld ließen sich Windparks errichten, welche aufs Jahr gerechnet die selbe Menge Strom produzieren. Vorteil der Windparks: Sie haben nur geringe Wartungskosten und die Kosten für Endlagerung entfallen gänzlich. (Auf das nicht verhondene Strahlungs- und Reaktorunglücksrisiko muss an dieser Stelle sicherlich nicht hingewiesen werden)
Windenergie in der Türkei bringt neben der Sicherheit auch noch weitere Vorteile mit sich. Unter anderem bringen Windkraftanlagen an den türkischen Küstenregionen tatsächliche Arbeitsplätze. Anders als bei AKWs ist die Ausbildung zum Wartungsmonteur einer Windkraftanlage deutlich einfacher. Dass dies schon in einem der ersten Windparks leicht zu beobachten. Ein Reporterteam der Deutschen Welle hat sich die Anlage in der Nähe des Dorfes Cevizli einmal angesehen und eine positive Entwicklung und viel Zustimmung festgestellt.
Auch das Potenzial für Wind- und Solarenergie ist in der Türkei riesig. Allein für Sonnenstrom wird ein Potenzial für 380 TWh angegeben, von dem gerade einmal 0,0005 TWh genutzt werden. (Vgl. EnergieAgentur.NRW)

Das Zusammenspiel aller erneuerbaren Energien kann konventionelle Stromerzeugung locker ersetzen. Auch die türkische Regierung muss das verstehen und umsetzen. Ein Minimalanfang ist gemacht, doch die Atompolitik der AKP konterkariert diese notwendige Entwicklung. Auch Deutschland sollte versuchen weiter auf Erdoğan und seine Minister einzuwirken. Es lohnt sich schließlich auch für deutsche Firmen, wie Siemens und Vestas.

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