Türkiye’de yazında – Im Sommer in der Türkei

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Zum zweiten Mal dieses Jahr flog ich nach Istanbul. Drei Wochen verbrachte ich nicht nur am Bosporus, sondern auch in Kappadokien und am Schwarzen Meer. Von neu entdeckten Sehenswürdigkeiten, türkischer Gastfreundschaft und einer traditionellen Verlobungsfeier schreibe ich in der „Sommerausgabe“ meiner Istanbulreise.

Das Mevlanamausoleum in Konya

Das Mevlanamausoleum in Konya

Nun bin ich zwar schon ein paar Tage zurück in Deutschland, doch meine drei Wochen in der Türkei wirken immer noch nach. Jetzt endlich finde ich die Zeit ein paar Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse aufzuschreiben. Im Gegensatz zu meiner Reise nach Istanbul im März, die primär den Sprachkurs und die Erkundung der Stadt selbst zum Ziel hatte, flog ich nun aus persönlichen Gründen in die Stadt am Bosporus. Es galt die Familie meiner Freundin Dilek kennenzulernen, andere Städte zu bereisen und – dem hochsommerlichen Wetter sei Dank – am Strand zu liegen.

Bevor ich von den Sehenswürdigkeiten in den Städten Kappadokiens berichte, möchte ich vorgreifen und die bereits im März erwähnte Gastfreundlichkeit ansprechen. Die ersten Nächte nach meiner Ankunft in Istanbul verbrachte ich beim Verlobten der Cousine meiner Freundin. Der Satz ‚Fühl dich wie zu Hause‘ wurde hier mehr als ernst genommen. Da mein Gastgeber bis spät in die Nacht arbeitet, gab er mir einen Schlüssel zur Wohnung, sodass ich jederzeit kommen und gehen konnte. Schlafplatz und die herzliche Einladung, mich jederzeit im Kühlschrank bedienen zu können, inklusive. Ich finde das wirklich beachtlich und keine Selbstverständlichkeit, wenn man bedenkt, dass wir uns lediglich im März einmal kurz getroffen haben.

Das angekündigte "kleine Abendessen" entpuppte sich als veganes Festmahl

Das angekündigte „kleine Abendessen“ entpuppte sich als veganes Festmahl

Eine Ausnahme? Ein glücklicher Einzelfall? Weit gefehlt! Als ich am dritten Tag meines Aufenthalts die Eltern meiner Freundin kennenlernen durfte, wurde ich von einem (für deutsche Verhältnisse) Festmahl überrascht. Was mir als „kleines Abendessen“ angekündigt wurde, entpuppte sich als veganes Schlemmerparadies. Man muss dazusagen, dass Fleisch in der Türkei ein Muss ist. Besonders, wenn man auch nur den geringsten Anlass hat. Doch jemand hat wohl meiner zukünftigen Schwiegermutter erzählt, dass ich für gewöhnlich auf Fleisch, Milch und Eier verzichte. So gab es an diesem Abend für die ganze Familie vegane Speisen. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit und hat mich sehr beeindruckt.

Auch andere Verwandte nahmen mich herzlichst auf. Zusammen mit meiner Freundin besuchten wir ihre Cousine und deren Mann in Aksaray. Was mich jedoch zu der Frage führte, wie man innerhalb der Türkei eigentlich reist. Das Schienennetz ist lange nicht so gut ausgebaut, wie in Deutschland. Jedoch kann sich das hiesige Fernbussystem etwas von jenem in der Türkei abschauen. Es gibt zahlreiche Verbindungen für kleines Geld. Ein Vorteil ist zweifelsfrei, dass vorwiegend nachts gefahren wird. Wir stiegen abends in Istanbul ein und wachten am nächsten Morgen in Aksaray auf. Der Komfort ist mehr als zufriedenstellend (wenn man nicht gerade überdurchschnittlich groß ist, wie ich..) und der Service entspricht eher einer Fluggesellschaft. Internet, Heißgetränke und Snack. Alles inklusive.

Beispiel für ein türkisches Frühstück (Kahvaltı)

Beispiel für ein türkisches Frühstück (Kahvaltı)

Nur das Gedränge an den Fernbushöfen ist für Touristen etwas befremdlich. Hunderte wartende Menschen dicht gedrängt vor dem viel zu kleinen Stationsbüro der Firma Kamil Koç. Minütlich eintreffende Busse, die jeglichen Zentimeter freien Platzes ausnutzen und gerne auch im Wartebereich der Reisenden waghalsige Wendemanöver durchführen. Keine Anzeigetafeln, keine Haltestellenbeschriftung. Der Sprache nicht ausreichend mächtig, erschien es mir als ein purer Zufall, dass wir irgendwann im richtigen Bus saßen.

Nun, wir erwachten mehr oder weniger ausgeruht in Aksaray und wurde von unseren Gastgebern am Fernbushof abgeholt und erst mal zum Frühstück in ein Restaurant eingeladen. Den Teil über die Vielzahl und Qualität eines türkischen Frühstücks erspare ich mir an dieser Stelle. Dazu später mehr.

Kartoffelanbau in Kappadokien

Kartoffelanbau in Kappadokien

Die folgenden drei Tage verbrachten wir abwechselnd mit Essen und Erkundung der umliegenden Sehenswürdigkeiten. Zumindest einem Teil derer, denn Kappadokien bietet eine Vielzahl an Bestaunenswertem. Da wäre zunächst einmal die beeindruckende Landschaft. Ein paar Berge, viele Hügel, allesamt staubtrocken, sehr karg und graubraun. (Angeblich im Winter ein Wintersportmekka.) Doch in den Talsohlen leuchtet es grün. Hier werden ganze Meere von Sonnenblumen, Kartoffeln aber auch Getreide angebaut. Durch den Einsatz intensiver Bewässerung entsteht ein eindrucksvoller Kontrast. Ein paar Hütten, ein paar Autos und wilde Hunde. Wir fahren fast eine Stunde mit dem Auto, doch die Landschaft verändert sich nicht.

Einer von zahlreichen verwinkelten Gängen, tief hinein in Derinkuyu

Einer von zahlreichen verwinkelten Gängen, tief hinein in Derinkuyu

Erst südlich von Nevşehir erreichen wir unser Ziel. Eine unterirdische Stadt, Derinkuyu. Sie ist eine von 36 bisher entdeckten unterirdischen Städten in dieser Gegend. Bisher wurden 8 Stockwerke freigelegt. Eine Besichtigung ist wirklich eine spannende Angelegenheit. Wer allerdings meine Körpergröße hat, sollte sich auf häufiges Ducken gefasst machen. Die heutige Form der Anlage (insbesondere die kreuzförmig in den Fels getriebene Kirche) gaben Christen zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert. Sie hielten sich unterirdisch auf, um sich vor Verfolgern zu schützen. Manche Archäologen glauben allerdings, dass die Anlagen bis zu 4.000 Jahre alt sind. Allgemein finden sich im heutigen Anatolien zahlreiche frühmenschliche Zeugnisse. Die ältesten Münzen wurden hier gefunden. Der älteste Sakralbau steht ebenfalls in der heutigen Türkei. Ein archäologisches Paradies sozusagen.

IMG_5360Nicht weit entfernt im Herzen Kappadokiens – und auf jedem zweiten Souvenir abgebildet – befinden sich die oberirdischen Städte aus vergangen Tagen. Allerdings sind diese ebenfalls in den Fels geschlagen. Ich denke, die Bilder sprechen für sich, auch wenn sie nur einen winzigen Eindruck von dem vermitteln, was sich dem Betrachter vor Ort eröffnet. Bei Touristen beliebt sind die frühmorgendlich startenden Ballonrundflüge, die mit 150 € allerdings nicht ganz billig sind. Wer, wie wir, lieber länger im Bett bleibt, kann an manchen Orten jedoch auf die Dächer der „Wohnhäuser“ steigen und hat ebenfalls einen unbeschreiblichen Ausblick. Als wir einen ebensolchen Aussichtspunkt erklommen, stellte ich mit einem Schmunzeln fest, dass ich zwar der einzige Mensch weit und breit war, der kein Türkisch konnte, jedoch war meine Dilek der einzige Mensch weit und breit, der kein Deutsch konnte. Die übrigen Touristen um uns herum sprachen allesamt Türkisch untereinander und Deutsch mit ihren Kindern. Ein Umstand, an den ich mich noch gewöhnen sollte.

Die einzigartigen Felshöhlen von Kappadokien

Die einzigartigen Felshöhlen von Kappadokien

Ein dargestellter Sufi im Museum in Konya

Ein dargestellter Sufi im Museum in Konya


Am folgenden Tag ging es nach
Konya, der ehemaligen Hauptstadt des Rum-Seldschukenreiches. Auch wenn diese geschichtsträchtige Stadt viele historische Spuren und Baudenkmäler vorweisen kann, besichtigten wir als Eintagestouristen lediglich ihr heutiges Wahrzeichen: Das Mausoleum von Mevlana Dschalal ad-Din Rumi, dem Begründer des Mevleviordens. Heute ist es ein Museum und Wallfahrtsort frommer Muslime und Anhänger des Sufismus. Neben dem Gotteshaus befindet sich eine Art Kloster, in dem heute das Leben im Sufiorden anhand von lebensnahen Figuren und zahlreichen historischen Exponaten dargestellt ist.

Kanlica-YogurtZurück in Istanbul musste ich auf interessante historische Entdeckungen jedoch nicht verzichten. Ein kleiner Ort am asiatischen Ufer des Bosporus ist für seinen besonders schmackhaften Joghurt bekannt. Der wird hier auf Wunsch mit Honig, Eis und allerlei anderen süßen Zugaben serviert. Bis vor etwa 150 Jahren war der Kanlica-Joghurt rötlich, weil die Kühe ein Kraut fraßen, das die Milch verfärbte. Daher der Name „Kanlica“,, (die Blutige).

ÖPNV auf Büyük Ada: Pferdekutschen

ÖPNV auf Büyük Ada: Pferdekutschen

Einen anderen Ausflugsort in Istanbul besuchten wir gleich zweimal. Einmal vor unserer Reise nach Kapadokya und einmal danach, als mein Freund Christoph aus Deutschland zu uns stieß. Büyük Ada (Große Insel) heißt eine der Prinzeninseln vor den Toren der Stadt im Marmarameer. Mit einer Fähre kommt man für umgerechnet einen Euro und die Dauer einer Stunde zu dieser Insel. Man merkt schnell, dass man dort in einer anderen kleinen Welt ist. Zunächst einmal fallen zwei Dinge auf. Die Insel besteht lediglich aus Touristen/Kurzurlaubern und es gibt eine Menge viel zu schneller Pferdekutschen. Autos sind auf den Inseln nämlich untersagt, bzw. nur mit Sondererlaubnis gestattet (städtisches Entsorgungsunternehmen zB.). Büyük Ada AnwesenDes Weiteren befinden sich auf der Insel ein Waldstück, ältere und protzige Häuser und Restaurants. Strände gibt es natürlich auch noch. Hier ein kleiner Geheimtipp: Wer sich nicht mit den offensichtlichen Steinstränden, die zudem völlig überfüllt sind, zufriedengeben möchte, der besteigt eine weitere kleine Fähre, welche einmal um die Insel herum fährt und den 20 TL (gilt für Aya Nikola Plajı./ca. 6,60 €) zahlenden Badegast zu einem echten Sandstrand bringt. Inklusive WC, Duschen, Liege, Musik und allem, was das Herz begehrt. Wer Glück hat, kann auf dem Weg vielleicht sogar einer Gruppe Delfine begegnen.

Die Gärten auf Büyük Ada zeigen eine vielzahl an Blüten, zur Freude des Betrachters

Die Gärten auf Büyük Ada zeigen eine vielzahl an Blüten, zur Freude des Betrachters

Nach dem ausgiebigen (Sonnen-)bad bietet die Insel abends auch Kulinarisches aller Art. Vorzugsweise natürlich Fischlastiges. Jedoch finden Vegetarier in den Seitenstraßen auch vorzügliches Börek oder Pide mit Käse und Spinat. Auch Eis und Waffeln werden zahlreich angeboten. Fest steht, diese Insel lohnt sich.

Während unseres zweiten Besuchs litt ich allerdings den ganzen Tag an Magenkrämpfen. Am Vortag muss ich wohl etwas Falsches gegessen haben. Jedenfalls bekam ich gegen Abend alle 10 Minuten einen heftigen Krampf, sodass meine Freundin mich auf dem Festland in ein Krankenhaus brachte. Nach einem kurzen Telefonat mit meiner Krankenkasse war abgeklärt, dass zumindest öffentliche Krankenhäuser meine Krankenkassenkarte akzeptieren sollten.  Türkische Krankenhäuser sind auch eine Sache für sich. Zumindest oberflächlich ergeben sie einen gewaltigen Kontrast zu deutschen. Besonders sauber und hygienisch erscheinen sie nicht gerade. Bei der Anmeldung schon wird man einem Arzt vorgestellt, dieser teilt einen dann in drei unterschiedliche Kategorien medizinischer Notwendigkeit ein: grün, gelb und rot.
Da mir keine Glieder fehlten oder das Blut nur so aus einer offenen Wunde spritzte, bekam ich grün und eine Nummer. Dann hieß es Warten. Nach anderthalb Stunden wurde ich aufgerufen. Wieder schilderte meine Freundin der Ärztin meine Symptome, kurzes Bauchabtasten und tadaaa: geheilt. Zumindest führte die ärztliche Diagnose zu einem Rezept für zwei Medikamente. (Eins davon war eine Art Saft, der verdächtig nach Rakı aussah, roch und schmeckte.) Dann wurde ich noch über einen Flur geschickt, der in eine Halle mündete, in der ein paar provisorische Liegen standen. Mit Vorhängen abgeschirmt. Ich sollte von einer Arzthelferin noch zwei Spritzen bekommen. Eine wie gewohnt in die Armbeuge und eine in den…. (an dieser Stelle stoppt meine Erzählung, da ich mich andernfalls wieder tierisch über die mir mittelalterlich erscheinende Praktik des In-den-Popo-Spritzens aufregen würde :D)

In der Hagia Sophia (Ayasofia) finden sich Zeugnisse islamischer und christlicher Kunst

In der Hagia Sophia (Ayasofia) finden sich Zeugnisse islamischer und christlicher Kunst

Im März bin ich an der Hagia Sophia und der Blauen Moschee ja lediglich vorbei gelaufen. Jetzt waren wir auch einmal im Inneren. (Deutlich kürzerer Warteschlangen sei Dank.) Während die Hagia Sophia, mit ihrer beispielgebenden Bauweise, den christlichen und islamischen Dekorationen, sowie der Signatur eines Wikingers ein beeindruckendes Gebäude darstellt, waren wir von der Blauen Moschee alles andere als angetan. Meiner Meinung nach ist die Nuruosmaniye-Moschee (von der ich bereits in meinem März-Beitrag berichtete) deutlich schöner. Zudem stinkt es in der Blauen Moschee einfach abartig, da die tausenden barfüßigen Besucher ihre (Duft-)Spuren tagtäglich im Teppich hinterlassen. Fazit: Nicht empfehlenswert.

Über den Dächern Istanbuls

Über den Dächern Istanbuls

Deutlich bessere Luft erwartet den Besucher auf dem Büyük Çamlıca Tepesi (großer Çamlıca Hügel) auf der asiatischen Seite Istanbuls. Es handelt sich um ein unter Türken sehr beliebtes Ausflugsziel. Da es sich um einen der höchsten Punkte der Stadt handelt, hat man bei gutem Wetter eine fantastische Sicht auf die gewaltige Stadt um sich herum. Die Parkanlage und Cafés laden zum spazieren und entspannen ein. Hier oben wirkt das geschäftige, pulsierende Istanbul sehr weit weg. Auch viele Brautpaare kommen extra für ein paar Fotos vor dieser Kulisse auf den großen Hügel.
Da kein Bus direkt nach ganz oben fährt, mussten wir ein Stück zu Fuß laufen. Eine recht steile Angelegenheit. Doch auch hier kam uns die türkische Hilfsbereitschaft sehr entgegen. Nach nur wenigen Metern hielt ein PKW neben uns an und der Fahrer fragte, ob wir nach oben wollten. Nach unserem kurzen „Evet“ stiegen wir ein. Er nahm uns mit.

Jeden Sonntag zeigen die Istanbuler Sufis ihren Derwisch-Tanz

Jeden Sonntag zeigen die Istanbuler Sufis ihren Derwisch-Tanz

Sufis finden sich nicht nur in Konya, auch in Istanbul befindet sich ein ehemaliges Kloster dieses Ordens. Heute, umgebaut zu einem Museum, bietet es jeden Sonntag eine besondere Attraktion. Der sogenannte „Derwisch-Tanz“ wird hier vorgeführt. Der Tanz ist im Grunde genommen nichts anderes als das Gebet der gläubigen Sufis. Nach einem Einzug in den kreisrunden Gebetsraum wird eine Zeremonie abgehalten. Immer wiederkehrende Bewegungen führen die Betenden an ihrem Lehrmeister vorbei, bis sie schließlich mit dem „Tanz“ beginnen. Hierfür drehen sie sich im Kreis. Den Kopf leicht angewinkelt, eine Hand nach oben geöffnet, eine Hand nach unten, drehen sich die Betenden, bis sie in eine Art Trance verfallen und so Gott näher kommen.

Wie eingangs bereits geschrieben, waren diese drei Wochen Türkei eher privater Natur. Es galt für mich, die Familie meiner zukünftigen Frau kennenzulernen. Eine gute Gelegenheit bot da die Verlobungsfeier ihrer Cousine, zu der ich ebenfalls eingeladen war. Während eine Verlobung in Deutschland heutzutage eine eher unspektakuläre Angelegenheit ist (romantischer Ort/Anlass, Ring, eventuell Kniefall und „Willst du mich heiraten?“), wird das Ganze in der Türkei mit deutlich mehr Tamtam aufgezogen. Was wir in Deutschland als Verlobung bezeichnen, ist dort nur der erste Schritt, das Versprechen.

Erst werden die Ringe angesteckt, dann das Seidenband durchtrennt

Erst werden die Ringe angesteckt, dann das Seidenband durchtrennt

Bei einer Verlobungsfeier ist die gesamte Familie samt engen Freunden anwesend. Die Verwandtschaft der zukünftigen Braut trifft sich in deren Haus und bereitet eine Vielzahl an Speisen vor. Üblich ist, dass Cousinen und Tanten etwas beisteuern. Dann am späten Nachmittag, wenn alle spürbar aufgeregt sind, erscheint der zukünftige Bräutigam mit einem großem Strauß Blumen, Schokolade und seiner Verwandtschaft im Schlepptau. Herzliche Begrüßung. Alle nehmen in einem großen Kreis im Wohnzimmer platz (oder stehen dicht gedrängt im Eingang)

Irgendwann ergreift der Vater des Bräutigams stellvertretend für seinen Sohn das Wort und spricht die Formel: „Allahın emri peygamberin kavliyle kızınız oğlumuz istiyoruz.“ (Mit Erlaubnis Gottes und mit Einwilligung des Propheten bitte ich im Namen meines Sohnes um die Hand deiner Tochter) Der Vater der Braut stimmt ohne eine festgelegte Phrase zu. Zum Beispiel mit den Worten „Sie lieben sich, wir sollten ‚Ja‘ sagen.“

Darf nicht fehlen: Die Verlobungstorte

Darf nicht fehlen: Die Verlobungstorte

Nun wird die mitgebrachte Schokolade verteilt. Eine Flasche Kölnisch Wasser geht zur Erfrischung der Gäste reihum. Ebenfalls wird türkischer Kaffee gereicht. Mit einer kleinen Besonderheit: Der Kaffee des zukünftigen Bräutigams ist versalzen. Durch das vollständige und schnelle Austrinken zeigt er der Familie, dass er bereit ist, alles für seine Zukünftige zu geben.

Dem ist an Zeremonien jedoch noch nicht genüge getan. Auf einem Silbertablet werden die vorher ausgesuchten Verlobungsringe hereingebracht. Diese sind mit einem roten Seidenband verbunden und werden dem zukünftigen Brautpaar angesteckt. Einem Onkel kommt nun die Aufgabe, zu das Band zu zerschneiden. Daraufhin stellen sich die Gäste in einer Reihe auf, um dem Paar zu gratulieren und Geschenke zu verteilen. Kleine Goldstücke, -münzen oder Geldscheine werden der Braut ans Kleid gesteckt. Zu guter Letzt hält eine Torte Einzug, welche nun vom zukünftigen Brautpaar gemeinschaftlich angeschnitten und gekostet wird. Auch die anderen vorbereiteten Speisen werden gegessen. Bier oder Rakı wird getrunken und man geht zu einem eher gemütlichen Teil des Abends über.

Übrigens werden alle einzelnen Schritte dieser Feierlichkeit von ständigem Applaus, einem Tänzchen, viel guter Laune und zahlreichen Fotos begleitet. Zumindest weiß ich nach diesem aufregenden Tag in der Welt der türkischen Traditionen, was mich schon sehr bald erwartet.

Nun möchte ich noch etwas zur türkischen Küche erzählen. Wie eingangs bereits erwähnt, ist besonders das türkische Frühstück (kahvaltı) sehr üppig. Verschiedene Käsesorten, Oliven, Brot, Pommes, Marmeladen, Honig, Gurken, Tomaten, türkische Wurst und viele andere Sachen sind Standard. Hinzu kommen noch warme Speisen. Beispielsweise ein Omelette oder das türkische Rührei Menemen, welches vorwiegend aus Tomaten- und Paprikastückchen besteht. Diese werden in einer Pfanne geschmort und schließlich mit gestocktem Ei verfeinert. Ein Träumchen!

Çiğ Köfte

Çiğ Köfte

Im März berichtete ich bereits über einige traditionell vegane Speisen. In „meinem“ Stadtteil Kadıköy probierte ich diesmal Çiğ Köfte. Übersetzt heißt es so viel wie ‚rohe Köfte‘, da sie eigentlich aus rohem Hackfleisch püriert mit Bulgur, Tomatenmark, gemahlenen Chilischoten und anderen Gewürzen bestehen. Jedoch verbietet ein Gesetz in der Türkei den Straßenverkauf von rohem Fleisch, sodass sie immer vegan/vegetarisch zu kaufen sind. So auch in unserem Fall. Am Rande sei bemerkt: Für zarte Gaumen, wie den von Christoph, ist das Gericht nicht zu empfehlen. Was Dilek und ich als angenehme Würze empfanden, war für ihn wohl etwas… naja scharf 😉

Nasse Hamburger...

Nasse Hamburger…

Zufriedener war Christoph mit dem sogenannten „nassen Hamburger“ (Islak hamburger), einer „Delikatesse“ die er wohl, besser als ich, imstande ist, zu beschreiben. Verkauft werden die unansehnlichen Hackfleischbrätlinge, in triefend nassem Brötchenhälften, unteranderem auf der İstiklal Caddesi, auf der es auch traditionell gekleidete Eisverkäufer gibt, die sich mehr als nur ein Späßchen mit ihren Kunden erlauben, während sie mit ihren langen Eisenstangen abwechselnd Eiskugeln in Hörnchen verfrachten und gegen Glocken über ihren Köpfen schlagen.

Wer dann genug gegessen hat, wird sich vielleicht wie wir in eine der zahlreichen Bars und Kneipen begeben. Mein Favorit schon seit März ist das Dorock in einer Seitenstraße der İstiklal. Eine wunderbare Metalkneipe mit anständigen Bierpreisen und jede Menge Livemusik. Das schöne für Christoph und mich war, dass die beiden Bands an jenem Abend ausschließlich internationale Hits spielten. Neben Limp Bizkit, Linkin Park und Marilyn Manson hieß das vor allem: Rammstein! So ergab es sich, dass wir, äußerst textsicher, zwischenzeitlich die Einzigen waren, die inmitten der kleinen Kneipe lautstark mitsangen (bzw. grölten).

Den Ausklang meiner drei Wochen Türkei bildete eine Fahrt nach İğneada, einem kleinen Badeort an der Schwarzmeerküste kurz vor Bulgarien. Noch mal zwei Tage Strand, etwas planschen im Meer und eine Fahrt mit dem Jetski konnten wir gut vertragen. Auch hier trafen wir vor allem auf türkische Urlauber (durchaus auch mit deutschen Nummernschildern) und tranken abends in strandnähe Tee und Bier bei Livemusik.

Als ich wieder in Deutschland ankam, fragten mich viele, ob ich es nicht als gefährlich in Istanbul empfand. Während meiner Anwesenheit ereigneten sich ein paar Terroranschläge in der Stadt. Unteranderem waren die US-Botschaft und eine Polizeistation Ziele der Angreifer. Jedoch geschah dies eher in den äußeren Teilen der Stadt und eine Stimmungsänderung unter den Bewohnern Kadıköys und anderer zentraler Stadtteile war absolut nicht spürbar. Der einzig erwähnenswerte Unterschied war, dass Rucksäcke und Koffer an Metrostationen sporadisch gescannt wurden. Mehr aber auch nicht.

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