Globaler Klassenkampf

Warning: Illegal string offset 'filter' in /customers/7/6/8/trotat.de/httpd.www/wp-includes/taxonomy.php on line 1442
Share Button

Dieser Artikel erschien auch am 21.9.15 unter dem Titel „Festung Europa: Ohne Visum ist man Teil des Proletariats“ in der Huffington Post

Gerade bin ich wieder in Istanbul gelandet. Zum dritten Mal dieses Jahr führte mich mein Weg in die türkische Metropole. Ein Reiseziel für Touristen aus aller Welt. Ich kenne viele Deutsche, die schon einmal die Hagia Sofia oder die Blaue Moschee besucht haben. Menschen, die für eine Woche in diese historische Stadt kamen, um am Ufer des Bosporus einen Tee zu trinken. Die Meisten von ihnen werden wohl mit dem Flugzeug angereist sein. So wie ich heute. In ungefähr 3 Stunden geht es von Deutschland über den Balkan bis nach Istanbul.

Doch diese Strecke hat in den letzten Wochen in umgekehrter Richtung stark an Bedeutung gewonnen. Als sogenannte Balkan-Route ist sie mittlerweile jedem ein Begriff. Tausende von Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak aber auch Pakistan nehmen diese Route. Sie sind gezwungen den langen und beschwerlichen Weg zu nehmen, da die Verteilung auf Europa von Griechenland aus immer noch nicht funktioniert.

Während ich eben gemütlich über den Wolken ein Buch las, standen verzweifelte Menschen weit unter mir vor ungarischem Stacheldraht. Während ich mir den Kaffee des Bordservice schmecken ließ, wurden weit unter mir ganze Familien mit Tränengas beschossen und mit Wasserwerfen auf Abstand gehalten.

Angeborene Ungerechtigkeit

Welch ein Irrsinn! Mit welchem Recht, durch welchen Verdienst bin ich privilegiert in Europa geboren worden zu sein? Was habe ich dafür geleistet im Besitz einer europäischen Staatsangerhörigkeit zu sein, die es mir erlaubt, nahezu jedes Land dieser Welt ohne große bürokratische Hürden zu besuchen?

Niemand kontrolliert mich, wenn ich zum Einkaufen nach Venlo fahre. Keiner hält mich auf, wenn ich in Paris ein Wochenende verbringen möchte. Und für den Urlaub in der Türkei reicht mein Perso. Aber wehe, man ist kein Europäer. Dann heißt es: Ohne Visum, Arbeitserlaubnis oder Duldungsstatus geht gar nichts.

Während ich also über die Menschen fliege, die nichts anderes wollen, als ein Teil von dem zu sein, was ich qua Geburt besitze, denke ich an Marx und Engels. Sie schreiben über den Klassenkampf in einer Gesellschaft. Die Klassen ihrer Zeit bezeichnen sie als Bourgeoisie und Proletariat.

Nach Marx und Engels unterscheiden sich die Gruppen dadurch, dass die Bourgeoisie besitzend ist und dieser Besitz für ihren Lebensunterhalt sorgt, während das Proletariat besitzlos ist und somit lediglich die eigene Arbeitskraft zum Geldverdienen hat.

Der Klassenkampf ist mittlerweile global

In der heutigen globalisierten Welt erscheint es mir nur logisch auch die Gesellschaft global zu verstehen. Heute bin ich Teil der „globalen Bourgeoisie“. Ich bin besitzend. Ich bin reich an Rechten und Möglichkeiten. Mir stehen nahezu alle Wege offen. Ich lebe in Frieden und sozialer Sicherheit. Ich kann studieren, was ich möchte, und anschließend werde ich höchstwahrscheinlich einen Job finden. Falls nicht, wird für mich gesorgt.

Aber was ist mit dem „globalen Proletariat“? Mit den Menschen, die diese Rechte nicht besitzen. Die jeden Tag aufs Neue um ihr Leben kämpfen müssen, weil sie vor Armut und Ausbeutung nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren, geschweige denn ihnen eine Schulbildung ermöglichen sollen. Weil täglich ihr Leben durch ein brutales Regime oder religiöse Spinner bedroht ist. Weil sie immer noch von der „globalen Bourgeoisie“ (also auch mir) ausgebeutet werden!

Wie der Kampf ausgeht

Bei Marx und Engels hat der Klassenkampf zwei mögliche Ausgänge. Zum Einen besteht die Möglichkeit, dass alle Klassen untergehen, und zum Anderen die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft. Ich hoffe auf Letzteres…

Denn wir brauchen eine neue Weltordnung. Europäische Reisefreiheit, kultureller Reichtum und Vielfalt, wissenschaftlicher Austausch, Welthandel. So viele Dinge haben unsere europäische Welt besser gemacht.

Menschenrechte und Humanismus sind hierzulande auf dem Vormarsch (oder zumindest akzeptiert, liebe Bayern!). Es ist an der Zeit, diese europäische Welt des Friedens für alle Menschen zu öffnen. Und nicht, sie abzuschotten und mit Waffengewalt zu „verteidigen“.

Wir müssen jetzt anfangen!

Am Ende des Klassenkampfes von Marx und Engels steht der Zerfall der Bourgeoisie. Sie schreiben, dass Ideologen sich dem Proletariat anschließen, um die Neuordnung der Gesellschaft mitzugestalten. Die Vernünftigen hier in Europa sollten diese Ideologen sein.

Sie sollten jetzt daran mitarbeiten, diese Welt zu einer besseren zu machen. Grenzen zu öffnen, Waffenlieferungen zu stoppen. Steuerflucht von Unternehmen und Privatpersonen zu verhindern und finanzielle Mittel umzuverteilen. Damit dem „globalen Proletariat“ eine Chance zur Integration geboten werden kann.

Im Idealfall sind dafür „nur“ Reformen nötig, doch wenn sich die Bourgeoisie weiterhin weigert, würde ich es auch auf eine Revolution ankommen lassen wollen.

Und wir sollten mit diesem Wandel schleunigst beginnen, denn das „globale Proletariat“ hat den „Klassenkampf“ längst aufgenommen. Zu Recht!

Share Button

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.