Religiöse Fanatiker schlägt man nicht mit den eigenen Waffen

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Foto: Mitglieder der Westboro Baptist Church demonstrieren 2010 vor dem Holocaust Museum in Virginia. by JCWilmore  /Wikimedia Commons

Ein Beitrag von Christoph Worreschk.

Wenn über Gefahren von Religion geredet wird, geht es um den IS, der rücksichtslos mordet, um einen Gottesstaat zu errichten. Es geht um evangelikale Christen in den USA, die (zum Glück immer erfolgloser) versuchen, Homosexuellen ihre Grundrechte vorzuenthalten. Vielleicht wird erwähnt, dass man in gewissen Kliniken nach einer Vergewaltigung nicht immer angemessen beraten wird, wenn der Träger die katholische Kirche ist und Abtreibungen offenbar um jeden Preis vermeiden will. Vielleicht wird auch die Anekdote erzählt, dass es selbst unter den friedliebenden Buddhisten gewalttätige Extremisten gibt.

In den meisten Fällen gibt es auch Konsens darüber, dass nicht alle Muslime die Ansichten des IS teilen, die allermeisten also „gute“ Muslime sind, die nur friedlich ihre Religion ausüben wollen. Natürlich haben auch nicht alle Katholiken oder gar alle Christen so extreme Ansichten zu Homosexualität wie der Papst. Viele Christen in Deutschland sind diesbezüglich schon in diesem Jahrtausend angekommen.

Gefährlich sind nur die anderen Christen, die anderen Muslime. In Acht nehmen muss man sich nur vor den bösen Extremisten, welche die Bibel oder den Koran falsch auslegen oder zu ernst nehmen und im Namen Gottes Menschenrechte missachten. Das kann sich mehr oder weniger drastisch äußern. In der westlichen Welt werden zum Beispiel an vielen Stellen Grundrechte von Homosexuellen immer noch massiv eingeschränkt. Anderswo werden „Ungläubige“ ermordet oder ausgepeitscht. All das wird gerechtfertigt mit der Behauptung, dass ein bestimmter Gott das alles so wolle oder das gewisse Regeln einer bestimmten Religion dies oder jenes halt erfordern.

Mit den eigenen Waffen

Die verschiedenen religiösen Schriften werden aber in alle möglichen Richtungen ausgelegt, auch oft, um gerade diesen Extremisten zu widersprechen. Es gibt Stimmen, die versuchen, z. B. den IS anzugreifen, indem sie argumentieren, dass der Islam eigentlich eine friedliche Religion sei und dass die Führer des IS den Koran gründlich missverstehen würden. Oder, dass sie den Koran vielleicht auch wider besseres Wissen geschickt so auslegen, dass sich ihre politischen Ziele mit ihm begründen lassen.

Ähnliche Argumentationsansätze gibt es, wenn es um die Haltung der christlichen Kirchen zu Homosexualität geht: Jesus habe ja ausdrücklich gesagt, man solle seinen Nächsten lieben und nicht richten. Das müsse dann schließlich auch gelten, wenn der Nächste homosexuell ist, oder?

So naheliegend diese Argumentationsweise auch ist, da man glaubt, Andersdenkende mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, halte ich sie dennoch für grundfalsch. Denn dadurch, dass man politische Einstellungen und Handlungen mit der Bibel oder dem Koran begründet, begibt man sich auf ein Niveau mit den religiösen Fundamentalisten und legitimiert dadurch ihre Argumentationsweise. Das ist, als wolle man etwas gegen Hooligans tun und ginge zu diesem Zweck zum nächsten Fußballspiel, um anschließend alle, die sich daneben benehmen und prügeln, ordentlich zu verhauen.

Falsche Argumente

Stattdessen muss man die Argumente, die auf dem reichlich instabilen Fundament einer heiligen Schrift oder einer uralten, religiösen Tradition fußen, als das entlarven, was sie sind: ungültig.

In einer säkularen Gesellschaft – und das wollen wir hoffentlich sein – sind religiöse Argumente keine Argumente. Sie taugen nicht dazu, die eigenen politischen Ziele zu begründen oder die Argumentation der politischen Gegner zu entkräften. Sie taugen auch nicht als moralischer Kompass oder als Quelle absoluter Werte, die es zu verteidigen gilt. Denn sie können immer nur für den Teil der Gesellschaft gelten, die dem jeweiligen Glauben anhängen und seine Inhalte als gegeben akzeptieren. Jeder Christ würde sich schön bedanken, wenn im Bundestag demnächst Gesetze auf Grundlage des Korans verabschiedet würden.

Da wo Vernunft dem Glauben weicht, kann alles gerechtfertigt werden. Das kann man schon leicht daran erkennen, dass schon so ziemlich alles mit den Lehren verschiedenster Religionen gerechtfertigt wurde. Die einen begründen die Würde des Menschen religiös, andere eben die Unwürde der Ungläubigen. Viele Religionen schreiben sich die Nächstenliebe auf die Fahnen und im Namen der selben Religionen wird zum Krieg aufgerufen. Diametrale Gegensätze, begründet mit derselben heiligen Schrift.

Was tun?

Bleibt die Frage, wie sich eine säkulare Gesellschaft von diesen Einflüssen befreien kann. Wer jetzt einwendet, man könne ja nicht alle Religionen verbieten, dem stimme ich zu. Gerade wer Freiheit von Religion will, muss absolute Religionsfreiheit anstreben. Das heißt, dass niemand aufgrund seiner Religion oder seiner Religionslosigkeit benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Es bedeutet nicht, dass religiöse Befindlichkeiten Grund genug sind für Ausnahmen von geltendem Recht.

Begründungen, die auf Mythen, Geschichten oder Traditionen beruhen, dürfen nicht den gleichen Wert haben wie rationale Argumente. Wenn dann nicht mehr Verstand und Glaube auf Augenhöhe operieren, sondern sich im Sinne der Aufklärung die Vernunft gegen religiöse Einflüsse in der Diskussionskultur durchsetzen kann, bin ich zuversichtlich, dass viele Probleme, die durch Religion verursacht wurden, bald der Vergangenheit angehören.

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