Er kann es nicht lassen: Möll hetzt gegen Asylbewerber

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Der neue Bürgermeister ist keine Woche im Amt, da spricht er die Probleme der Stadt offen an. Er spricht von steigenden Flüchtlingszahlen und Wohnraummangel. Aber er macht es menschlich und sachlich. Ganz anders der Stadt Kurier. Hier werden soziale Gruppen weiter gegeneinander ausgespielt. Hier wird gehetzt und das Internet jubelt. Neuss und sein Lokalreporter. Eine Tragödie im nächsten Akt.

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis der Stadt Kurier wieder gegen Flüchtlinge hetzt und versucht einen Keil in unsere Gesellschaft zu treiben. Nach seinem Versuch im April die Willkommenspolitik von Altbürgermeister Herbert Napp zu torpedieren und den falschen Behauptungen über den Betreiber der ZUE „Alex“ im Mai, versucht er heute wieder neusser Wohnungssuchende und Flüchtlinge gegeneinander auszuspielen. Der Artikel auf Seite 2 des Stadt Kuriers von Mittwoch, dem 11.11.2015, ist auch unter dem Namen der Redakteurin Violetta Buciak erschienen. Mölls Handschrift jedoch bleibt unverkennbar. Populismus par excellence.

Ja, Neuss hat ein Problem: Sozialer Wohnraum

Doch der Reihe nach. Das von den Autoren gewählte Thema ist durchaus ein ernstes. Es geht um den Mangel an sozialem Wohnraum in Neuss. Bürgermeister Reiner Breuer hatte dies vergangenen Freitag in seiner Antrittsrede wieder einmal scharf kritisiert. Dort sagte er, dass es in Neuss noch 5.000 Wohnungen mit einer „echten Mietpreisbindung“ gäbe, bei gleichzeitigen 40.000 Haushalten, welche einen Anspruch auf sozialen Wohnraum hätten. Ein Missstand zweifelsohne. Breuer will das anpacken.

Für Frank Möll muss ein Schuldiger für den knappen Wohnraum gefunden werden. Nicht etwa Neusser Bauverein und CDU, welche für ausreichend sozialen Wohnraum in den letzten Jahren hätten sorgen können, anstatt Luxuseigentumswohnungen zu errichten, nein: Möll und Buciak nutzen die Misere für ihre Anti-Flüchtlingskampagne. So zeigt schon die Artikelüberschrift „Rund 150 neue Flüchtlinge pro Woche: Neuss wird überflutet!“ feinste rechtspopulistische Rhetorik.
Im Artikel selbst lässt dies nicht nach. „Ein Schock“ und für Neusser „unerträglich“ nennen das die Autoren. Jede zweite frei werdende Wohnung des Bauvereins werde für Flüchtlinge freigehalten.  Mit „Deutsche Mütter flehen um Wohnraum, Kinder weinen“ schießt Frank Möll den Vogel dann endgültig ab. Jetzt hat er seine Leser. Kindchenschema und Betonung auf die Nationalität. Eine soziale Gruppe wird gegen die andere ausgespielt. Bravo!

Nun sollten Mölls Leser verstanden haben, dass die, die da kommen, ihnen, die schon hier sind, etwas weg nehmen. Und um noch mal deutlich zu machen, dass ziemlich viele Menschen kommen werden, setzt Möll noch einen drauf. Er schreibt über Stadträtin Angelika Quiring-Perl. Sie sei „sauer, dass Reuschenberg mittlerweile zum Zentrum der Flüchtlingshilfe geworden“ wäre. „Tausende Asylbewerber“ würden hier erwartet, schreibt Möll. Nur, um mal ein paar sachliche Inhalte einzufügen, selbst wenn jährlich 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen, würde dies lediglich ca. 2.000 Flüchtlinge für Neuss bedeuten (Vgl. Frage 5). Und die sollen alle nach Reuschenberg? Wohl kaum.

Auch schon vor dem Flüchtlingsanstieg ein Thema

Zurück zum sozialen Wohnraum. Das Problem ist nicht neu. Es hat nur bisher nicht wirklich jemanden interessiert. Oder vielleicht doch? „Vielen Menschen, auch Senioren, droht die Obdachlosigkeit. In Neuss fehlt bezahlbarer Wohnraum“, schrieb ein Lokalreporter vor fast genau einem Jahr. „Mindestens 1000 Wohnungen fehlen“, führte er weiter aus und fand auch gleich einen Schuldigen: „Der Neusser Bauverein hatte in den vergangenen Jahren auf Luxusobjekte gesetzt.“
Dieser findige Reporter war Frank Möll, der in seinem Artikel „Schlimme Wohnungsnot in Neuss: Aufsichtsrat wird nun doch abgelöst“ am 18.11.2014 seine bekannte Dramatik nicht missen lässt.

Es kommt zu unwürdigen Szenen. Alleinstehende Mütter bitten mit ihren Kindern sozusagen auf Knien, flehen, damit ihre Kinder von der Obadachlosigkeit verschont bleiben.

Flehende Mütter, Kindchenschema… das kennen wir doch von irgendwoher. Achja, von heute:

Deutsche Mütter flehen um Wohnraum, Kinder weinen.

Die von Möll beschriebene Situation ist dieselbe, nur hat sich in diesem Jahr der Schuldige geändert. Letztes Jahr war der Bauverein schuld, heute sind es die Zuwanderer. Besonders deutlich wird es bei der Betonung „Deutsche Mütter“, dem gravierendsten sprachlichen Unterschied zum letzten Jahr. Ging es Frank Möll womöglich nie um die von Obdachlosigkeit bedrohten sozial schwachen Neusser? Nutzt er deren Leid lediglich als Stimmungsmache? Die Frage drängt sich auf.

Die Saat trägt Früchte, ob gewollt oder ungewollt

Wenn dem so ist, dann hat er damit Erfolg. Zumindest in der Kommentarspalte auf Facebook wurden gestern Abend die Rufe nach „Gleichberechtigung“ laut.

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Wenn die Kommentatorin „Gleichberechtigung“ verlangt, sollte sie vielleicht keine Wohnung selbst suchen, sondern vom Amt einfach eine freie Wohnung zugewiesen bekommen. Wahlweise natürlich auch gerne eine Massenunterkunft. Und wenn es nach diesem Kommentator geht, müsste sie aus ihrer jetzigen Wohnung sowieso ersatzlos ausziehen.

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Man kann schon an diesen beiden Beispielen sehr gut erkennen, dass die Hetze von Frank Möll auf teilweise fruchtbaren Boden fällt. Manche Kommentatoren erwecken gar den Eindruck, sie würden Asylbewerbern an die Gurgel gehen, nur um eine bessere Wohnung zu bekommen. (Das meine ich ausdrücklich ohne Ironie.)
So sieht es aus, wenn soziale Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Auch Mölls Aufbau einer Drohkulisse der „Tausenden Asylbewerber“ zeigt seine Wirkung. Realitätsverlust ist hier nur ein Symptom.

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Doch Frank Möll ist nicht dumm. Er selbst zieht seinen Kopf scheinbar aus der Schlinge des möglichen Vorwurfs der Hetze, indem er seinen Artikel mit einem „Heute feiern wir Sankt Martin. Neuss teilt und hilft“, enden lässt. Jedoch nicht, ohne im selben Schlußabsatz seine hetzerische Drohkulisse noch einmal mit einem Feuerwerk an Übertreibungen zu zementieren.

Riesen-Flüchtlingsheim am Neusser Bahnhof, Aufstocken des Alex-Flüchtlingsheim auf 1600 Personen, Mammut-Flüchtlingsheim mit über 1000 Personen auf der Rennbahn, 30 dezentrale Flüchtlingsheime in der Stadt verteilt, belegte Turnhallen, Container und Traglufthallen. Heute feiern wir Sankt Martin. Neuss teilt und hilft.

Die Angaben mögen inhaltlich korrekt sein, jedoch sind sie als mindestens als tendenziös zu bewerten, da sie Landes- und Kommunaleinrichtungen, sowie Asylbewerber, Asylfolgebewerber, anerkannte Flüchtlinge und Menschen mit Duldungsstatus vermischen und allesamt in einen großen „Ausländer“-Topf werfen. Mag er noch so viel Hilfsbereitschaft und christliche Nächstenliebe propagieren, seine wahren Ansichten sind evident. Dies fällt zum Glück auch immer mehr Menschen auf Facebook auf.

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Bleibt mir am Ende lediglich, noch einmal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Im April riet ich Herrn Möll, seinen Einfluss zum Wohle unserer Stadt einzusetzen.

Frank Möll hätte mit seinem Blatt die Möglichkeit Integration und ein friedliches Zusammenleben in Neuss zu gestalten. Er hätte die Möglichkeit wahrlich christlich und in Nächstenliebe zu handeln. Doch er feuert aus allen seinen Rohren gegen die Dinge, die da kommen.

Darauf hat er sich offenkundig nicht eingelassen.
Armes Neuss.

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11 Gedanken zu „Er kann es nicht lassen: Möll hetzt gegen Asylbewerber

  1. Danke für Deine interessanten und wichtigen Artikel. Wir sind vor einem Jahr von Köln nach Neuss gezogen. Es ist schön hier, wir fühlen uns wohl. Allerdings mussten wir uns erst an die Ansichten einiger Neusser gewöhnen, da kennen wir anderes aus Köln. Glücklicherweise haben wir einige weltoffene und freundliche Menschen in Neuss gefunden, sodass wir uns auch „sozial“ wohlfühlen.
    Aber der Stadt-Kurier zeigt uns immer wieder, dass das Fähnchen in Neuss auch in die andere Richtung wehen kann. Manchmal lachen wir uns tot über Schützenfest-Artikel oder Diskussionen, ob Reliquien echt seien. Manchmal bleibt uns aber auch das Lachen im Halse stecken vor all der Hetze, die dort geschrieben wird. Zurzeit ist wieder das christliche Abendland bedroht, da eine Schule nicht am St. Martins-Zug teilnimmt. Unglaublich, wie aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird und eine Diskussion aus den letzten Jahren wieder an die Oberfläche geholt wird (Lichterfest). Jetzt, nachdem Neuss endlich einen vernünftigen Bürgermeister hat, bleibt zu hoffe, dass es auch mal einen Wechsel in der Redaktion des Käseblattes gibt. Allerdings – du schreibst es ja selber – ist Frau Buciac auch nicht besser…
    LG Jörg

    1. Hallo Jörg,
      vielen Dank für deinen Beitrag. Es freut mich sehr etwas über den Eindruck von (Neu-)Neussern zu lesen.
      Den Kontrast zu Köln stelle ich mir allerdings als sehr hart vor.
      LG Navid

  2. Vielen Dank für diesen brillianten Artikel, der mir aus der Seele spricht. Ich bin erst heute aus einer Neusser Facebookgruppe geflogen, weil ich genau zu diesem Thema meine Meinung kund getan hatte. Ein typischer „ja aber“ Hetzer war der Meinung, das alle Wohnungen des Bauvereines nur noch für Flüchtlinge da sind, und „die Deutschen“ nichts mehr bekommen. Ich weiß allerdings nicht, was schlimmer ist. Diese provokative und falsche Stimmungsmache, oder das Kicken eines Einzelnen, der den Mund aufmacht und etwas gegen dieses braune Gedankengut sagt.

    1. Das ist allerdings eine berechtigte Frage. Allerdings meine ich, dass wir nie aufhören den Mund aufzumachen. Auch wenn es natürlich schwer ist, wenn man aus Gruppen ausgeschlossen wird. Umso wichtiger die Verbreitung von Gegendarstellungen, wenn die präsenteste Presse in Neuss Vorurteile befeuert.

      Bleiben Sie bitte am Ball!
      Liebe Grüße
      Navid Linnemann

  3. Lieber Autor/Blogger,

    ich teile Deine Meinung uneingeschränkt. Besteht die Möglichkeit, dass wir uns einmal persönlich treffen und darüber sprechen. Hätte da noch die Eine oder Andere Anregung.
    Viele Grüße
    Andreas Wolf

  4. Frank Möll hatte bis vor einiger Zeit keinen entsprechenden „Gegenspieler“. Alle Printmedien sind, mehr oder weniger, fest in der Hand des RP Konzerns.

    Nur gibt es ein kleines Gallisches Dorf, ich meine eine unabhängige Online-Zeitung die dem Treiben etwas entgegen hält. Macht her Möll so weiter, wird das Folgen haben. Mit Richtung 100.000 Lesern pro Monat hat man Reichweite in Rhein-Kreis Neuss.

    Obacht!

  5. Danke für diese Seite und ich dachte schon ich bin der einzige der sich an dem religiösen Extremismus von Herrn Moll stört. 🙂

    Hatte ihn via facebook meinen Unmut zu kommen lassen zu Stadt Kurier 11.06.16 / Nr. 23: „Muslimische Verbrecher zeigen Verachtung“

    Er verteidigte seinen Artikel tatsächlich mit dem Hinweis das viele(!) muslimische Männer frauenfeindlich seien und verwies zum Schluss noch darauf das er bald eine Asiatin heiratet! Damit kann er natürlich kein Rassist o.ä. sein und er hat somit auch einen Freibrief gegen Flüchtlinge oder andere Religionen zu hetzen…

    …schlimm nur das bei unserem Provinzblatt so jemand auch noch Redakteur sein darf aber unser liebes Neuss ist in mancher Hinsicht noch immer erzkonservativ, auch mit einem SPD Bürgermeister!

    1. Danke für den Kommentar!
      Hab das gerade erst gesehen. Unglaublich dass der Mann sowas auf die Titelseite seines Blattes setzt. Unverschämt.

      Seine Begründung ist natürlich auch die Härte.. Es scheint, dass er nicht einmal weiß, was Rassismus eigentlich ist. :/

      1. Tja so ist das mit den selbsternannten Kreuzrittern in ihrem Feldzug gegen die wilden Ungläubigen, irgendjemand muss doch schließlich das Land vor den Barbaren schützen!

        Witzig ist die Reaktion wenn man solchen ideologisch Verblendeten den Spiegel vorhält, die erkennen gar nicht das sie so sind wie diejenigen gegen die sie vermeintlich vorgehen müssen.

        Stichwort Dunning-Kruger-Effekt:
        …„Wenn jemand inkompetent ist, dann kann er nicht wissen, dass er inkompetent ist.“ …

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