Warum ich in der Vorweihnachtszeit nicht spende

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Ob Entwicklungshilfe oder Spenden an heimische Hilfsorganisationen, in der Vorweihnachtszeit greifen auch Deutsche gern tief ins Portmonee, um Bedürftigen zu helfen. So kommen hierzulande jährlich 2-5 Milliarden Euro zusammen. Das ist nichts gegen die von Mark Zuckerberg angekündigte 45-Milliarden-Spende. Doch was hat es mit Zuckerbergs Wohltätigkeit auf sich und gibt es vielleicht sinnvollere Mittel zur Hilfe, als große Organisationen mit hohen Verwaltungskosten. 

Die Adventszeit ist angebrochen. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Die besinnliche Zeit des Jahres, in der man das große Fest mit der Familie plant, die Geschenke kauft oder bei einem abendlichen Spaziergang auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinkt. Auf den weihnachtlich geschmückten Straßen wird gerade in dieser Zeit fleißig um Spenden geworben. Doch nicht nur mit der Büchse am Straßenrand, auch auf Plakaten, im TV oder in persönlichen Briefen wird darum gebeten, das eine oder andere Projekt, die eine oder andere Organisation zu unterstützen. Trotz einiger Skandale und der Tatsache, dass große Organisationen meist einen nicht gerade kleinen Teil der Spenden zur Finanzierung ihrer Werbung und Organisation verwenden, bewerte ich Spenden grundsätzlich als positiv. Genauere Informationen der Finanzen einzelner Organisationen bietet das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen.

Wenn es den Staaten weltweit nicht gelingt (aus welchen Gründen auch immer) für Wohlfahrt oder sogar Grundversorgung zu sorgen, dann müssen es eben UNICEF, Brot für die Welt und andere Nichtregierungsorganisationen in die Hand nehmen. Wenn selbst einfache Mittel, wie ein gerechtes Steuersystem, nicht umgesetzt werden, dann müssen Obdachlosenhilfe, Tafel und andere Vereine mit privaten Spenden für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen.

Guter Spender – Schlechter Spender?!

Im Resultat kann es uns eigentlich egal sein, ob nun der Staat hilft, oder diese Aufgabe von privaten Spendern übernommen wird. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich allerdings ein Problem, welches vergangene Woche stark diskutiert wurde. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg stellte eine Spende in Milliardenhöhe in Aussicht. Aus Dankbarkeit über die Geburt seiner Tochter beabsichtigt er 45 Milliarden Dollar zu spenden. Wie gesagt, im Endeffekt sollten wir uns darüber freuen, dass ein sehr (sehr, sehr, sehr) reicher Mensch einen großen Teil seines Vermögens spendet. Zuckerberg tritt hier in die Fußstapfen von ähnlich spendablen Menschen, wie beispielsweise Bill Gates. Die Kritik der sozialen Medien galt auch weniger ihm persönlich, als dem System. Denn eigentlich müssten die Staaten dafür sorgen, dass eine einzelne Person gar nicht erst zu einem derart übergroßen Reichtum kommen kann. Würde zum Beispiel Facebook überall und ordentlich besteuert, dann hätten die Staaten auch mehr finanzielle Mittel um ihre Aufgaben der Wohlfahrt, bzw. Grundversorgung zu leisten.

Jetzt könnte man natürlich auf meinen Satz oben zurückkommen und anführen, dass es im Resultat ja egal ist, wer hilft, solange allen geholfen wird. Das Problem ist aber (ganz abgesehen davon, dass nicht alle Superreichen handeln wie Gates oder Zuckerberg), dass bei Privatspenden jegliche demokratische Legitimation fehlt. Oder schlimmer noch: In Zuckerbergs Fall spendet er das Geld im Prinzip sich selbst, also zumindest seiner eigenen Stiftung. Hier entscheiden er und seine Frau, wem das Geld letztendlich zu Gute kommt. Investitionen in Facebook nicht ausgeschlossen. Der Privatmensch spendet eben nur dort, wo es ihm sinnvoll erscheint, wo er einen ihm sympathischen Spendenempfänger findet, oder sich mit der Spende sogar selbst helfen kann. Wenn die Zahl derer, die Gelder verteilen, gering ist, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass an alle gedacht wird, ebenfalls gering.

Spenden ist gut, aber nicht die Lösung des Problems

Das gilt natürlich auch für den kleinen Privatspender. Ob ich der Seenotrettung, dem DRK oder Bethel mein Geld zukommen lasse, ist nichts anderes als eine Sympathieentscheidung. Als zusätzliche Hilfe ist das auch vollkommen legitim. Doch, wenn die privaten Geldtransfers von Migranten auf den afrikanischen Kontinent, die Entwicklungshilfe noch immer übersteigen (weil die staatliche Subventionierung von westlichen Großkonzernen fälschlicherweise als „Entwicklungshilfe“ verstanden wird), wenn Flüchtlingshilfe in Deutschland auch nach einem halben Jahr noch immer nicht ohne ehrenamtliches Engagement auskommt (Bsp. Johanniter), dann wird es Zeit das System zu ändern. Auf der nationalen politischen Ebene heißt es also wieder, verstärkt die Verteilungsfrage zu stellen. Steuerfairness und keine Steuergeschenke für Reiche und Großkonzerne. Nach Jahrzehnten der Umverteilung von unten nach oben, endlich die Kehrtwende. International keine Beteiligung an Kriegen, sondern ein Ausbau der humanitären Hilfe. Entwicklungshilfe überarbeiten und erhöhen. Verantwortung und Solidarität mit Menschen, nicht mit Regimen. Die Staaten müssen endlich wieder ihre Kernaufgaben übernehmen können, ohne auf Spenden angewiesen zu sein.

Wenn ich schreibe, dass sich politisch viele Dinge dringend ändern müssen und dass private Spenden subjektiv und weniger fair sind, als staatliche Umverteilung, dann heißt das natürlich nicht, dass ich vom Spenden abraten möchte. Wer Geld hat, der soll es auch verteilen dürfen. Vorzugsweise natürlich an unabhängige Institutionen und nicht an Schein-Stiftungen, wie die von Zuckerberg.

Wenn der Staat versagt, bleibt nur das eigene Engagement

Auch ich möchte helfen und wie die meisten Menschen mit dem, was mir zur Verfügung steht, Gutes bewirken. Doch halte ich persönlich von Organisationen mit teuren Werbekampagnen und Promotern in den Innenstädten relativ wenig. Außerdem habe ich schlichtweg zu wenig Geld um es in regelmäßigen Abständen auf das Konto einer Hilfsorganisation zu überweisen. Für mich gibt es jedoch eine Alternative, bei der ich theoretisch kein Geld ausgeben muss. Ich verleihe es lediglich.
Mikrokredite sind noch immer die Antwort auf die Probleme der klassischen Entwicklungshilfeorganisationen. Zwar ist es ruhiger um Kiva & Co geworden, doch werden Mikrokredite noch immer weltweit eingesetzt, um Kleinunternehmern eine Perspektive zu bieten. Hilfe zur Selbsthilfe ist im Angesicht der global agierenden Großkonzerne, mit Landgrabbing als moderner Variante des Kolonialismus, die einzige Möglichkeit, um wenigstens einen Teil privater Entwicklungshilfe zu leisten.

Das System sieht vor Kleinunternehmer mit privaten Krediten zu versorgen, damit diese ihr Unternehmen ausbauen und für mehr eigene finanzielle Sicherheit sorgen können. Vielleicht werden sogar Mitarbeiter eingestellt. Bei Kiva kann man als Kreditgeber in 25$-Schritten die Kreditgesuche unterstützen. Der Vorteil: das verliehene Geld kommt zu 100% bei der gewünschten Person an, die sich davon zum Beispiel die Innenausstattung für ein kleines Café anschafft, ein zweites Gewächshaus baut oder eine neue Nähmaschine kauft. Durch sogenannte Field-Partner werden Profile der Kreditsuchenden erstellt und auf der Plattform Kiva veröffentlicht. Diese bekommen dann auch das Geld von Kiva, um es an die Kleinunternehmer zu verleihen. Zwar werden hier Zinsen fällig, jedoch sind diese deutlich niedriger, als herkömmliche Kredite in den jeweiligen Ländern, da die Kreditgeber auf Kiva keine Zinsen verlangen und die Organisation Kiva selbst durch separate Spenden finanziert wird.  Ein weiterer Vorteil. Bei anderen Organisationen verliert man den Einfluss auf seine Spende. Bei Kiva landet der Betrag vollständig beim Empfänger und man kann zusätzlich für die laufenden Kosten von Kiva spenden.

Meine Erfahrung mit Kiva

Ich bin vor vier Jahren auf Kiva aufmerksam geworden und sah es damals als eine Möglichkeit Menschen zu unterstützen ohne größeren und häufigen finanziellen Einsatz. In den vier Jahren habe ich praktisch kein Geld ausgeben müssen. Ich hatte damals ein paar Dollar eingezahlt, drei Kredite vergeben und die Raten, die ich monatlich auf mein Kiva-Konto zurückbekommen habe, wieder neu vergeben. Sodass mein Impact mittlerweile bei 30 Krediten und einem Investitionsvolumen von 750$ liegt. Ich konnte 30 Menschen in 18 verschiedenen Ländern bei der Entwicklung ihres Betriebes helfen. Angefangen hat es mit Joseph aus Kenia, der eine kleine Elektro-Werkstatt betreibt. Andere Beispiele waren Zainab aus dem Libanon, die Geräte für ihre kleine Bäckerei benötigte; Mohammed aus Kenia, der neues Werkzeug für seine Schreinerei brauchte; Yasmeen aus Jordanien, die mit dem Kredit das Angebot ihres Kleidungsgeschäfts vergrößern wollte oder Ismet aus dem Kosovo, der sich mit 20 Schafen als Schäfer ein zweites Standbein aufbauen wollte. Aber auch Investitionen in private Angelegenheiten sind bei Kiva möglich. So gingen zum Beispiel 25$ an Yousri aus Palestina, der sich eine Solaranlage auf sein Dach baute und weitere 25% an Ruth in Kenia, die sich mit dem Kredit ihr Studium finanzierte.

Nach meinen Erfahrungen bei Kiva halte ich die Kreditvergabe an gezielte Kleinunternehmer als das beste Mittel zur direkten Entwicklungshilfe. Die sprichwörtliche Angel muss ich wohl nicht erwähnen. Jedoch sollte auch dieses Mittel nur ein kleines sein. Hauptverantwortung tragen die Staaten. Westliche, die die Ausbeutung beenden müssen und Entwicklungsländer, die sich von Korruption und Misswirtschaft emanzipieren müssen. Solange die großen Entscheidungen nicht getroffen werden, bleiben kleine Kredite nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Selbst aktiv werden?

Nachdem ich diesen Post veröffentliche, werde ich einen weiteren Kredit auf Kiva vergeben. Ein weiterer „heißer Tropfen“, der dennoch nötig ist. Wer mich dabei unterstützen möchte, kann sich hier bei Kiva einmal umsehen.

Update:

Was ist noch besser als jemandem zu helfen, sich selbst zu helfen? Richtig: Jemandem zu helfen, jemandem zu helfen sich selbst zuhelfen. Daher habe ich heute Abend meiner Freundin 25$ geschickt und sie hat sich einen Account auf Kiva erstellt und mit dem Geld ihren ersten Kredit vergeben. Hier kann man sehen für wen sie sich entschieden hat.

Update 2:

Ok, ganz untätig wollte ich dann doch nicht sein und habe selbst auch noch einen neuen Kredit vergeben. Nummer 31.

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2 Gedanken zu „Warum ich in der Vorweihnachtszeit nicht spende

    1. Hallo Katja,

      wie meinen Sie das? Die unterschiedlichen Microfinance-Anbieter? Ich habe bisher nur Erfahrungen mit Kiva gemacht (wie auch im Text beschrieben). Haben Sie da andere Erfahrungen gemacht? Oder auch Erfahrungen mit anderen Anbietern? Wenn ja, welche?

      Liebe Grüße
      Navid

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