Kermani: „Einbruch der Wirklichkeit“

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Für eine Spiegel-Reportage bereiste der Schriftsteller Navid Kermani gemeinsam mit dem Fotografen Moises Saman die Reiseroute der Flüchtlinge nach Europa. In umgekehrter Reihenfolge besuchten die beiden die Grenze zwischen Kroatien und Serbien, die serbische Hauptstadt Belgrad, die griechische Insel Lesbos, die türkische Küstenregion um Izmir und weitere Zwischenstopps auf der sogenannten „Balkanroute“. Die Eindrücke von Grenzbeamten, ehrenamtlichen Helfern und den Menschen auf ihrem Weg zu Frieden und Freiheit hielten sie fest. Der eine in seinem Buch, der andere in seinen Fotografien. Beides zusammen erschien jetzt im C.H. Beck Verlag unter dem Titel „Einbruch der Wirklichkeit – Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa“

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt, den Leser und Betrachter in dem kleinen Buch wiederfinden. Durch die Augen zweier westlicher Beobachter können sie einen ebenso kleinen Eindruck erlangen, wie es an den Grenzen der Balkanländer zu geht. Welche Politik sich für und welche sich gegen Geflüchtete richtet. Wer die Menschen sind, die zu „uns“ kommen, wer ihnen mit Spenden und einer warmen Mahlzeit hilft und wer nicht. So berichtet Kermani beispielsweise von mazedonischen Grenzpolizisten, die am Geschäft der Schlepper mitverdienen, „wenn sie wahlweise die Grenzen oder die Augen schließen“. Die innenpolitische Lage in Ungarn wird deutlich, als Kermani mit drei freiwilligen Helfern in Budapest spricht. Hier entwickelt sich eine Parallelgesellschaft, die, der ungarischen Politik zum Trotz, sich für Geflüchtete einsetzt, ihnen hilft, auch wenn es dank geschlossener Grenzen kaum mehr welche in Ungarn gibt. „Letztlich sei die Frage: Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht?“ zitiert Kermani einen der Helfer, der die feindliche Politik seiner Regierung gegenüber Muslimen nur als stärkstes Symptom einer Politik sieht, die sich dann auch gegen Homosexualität, Juden, kritische Medien und die Opposition richtet.

Auf Lespos kommen die beiden Beobachter mit Flüchtlingen in Kontakt, die zum ersten Mal die Europäische Union betreten. Für sie nur ein erster Schritt in Richtung sichere Zukunft, für viele Helfer und Journalisten der Kampf um die emotionalsten Aufnahmen und das befriedigende Gefühl, an vorderster Front Gutes zu leisten. Dass dies zu Konflikten führen kann, schildert Kermani ebenfalls. Hier beobachtet er die einzige Prügelei seiner gesamten Reise. Nicht etwa zwischen ausgehungerten und hoffnungslosen Geflüchteten, sondern zwischen Helfern und Journalisten. „Nicht einmischen“, lautet die Devise von Moises Saman, als Syrer am Strand aus dem Schlauchboot steigen und sicherlich gerne im Jeep der beiden mitfahren würden. Sie sind Beobachter und nicht zum Helfen vor Ort. Die Syrer allerdings handeln nicht danach, als sie eine halbe Stunde später dem Wagen aus dem Graben zurück auf die Straße verhelfen.

Kostbares Wasser an türkischer Küste

Dieser Tatendrang, diese Zuversicht begegnet den beiden auf ihrer Reise immer wieder. Sie erfahren, den Optimismus auch in der Türkei. „Ist nicht so schlimm“, ergänzt der kurdische Student Mohammed nach seiner Erzählung von einer nicht geglückten Überfahrt mit dem Schlauchboot, „ich werd’s wieder versuchen.“
Doch ebenso vielseitig wie die europäische Flüchtlingspolitik, die Fluchtursachen und die Herkunftsländer, sind auch die Zustände und Perspektiven der Geflüchteten. So treffen Kermani und Saman wenige Minuten nach Mohammed auf eine kleine Gruppe Afghanen, die ihre erste Mahlzeit seit Tagen zu sich nehmen. Auch hier kann Kermani auf den ersten Blick Skurriles berichten. Die nahezu leere Wasserflasche wird erst ihm angeboten, bevor sich der junge Afghane selbst den letzten Schluck gönnt. Nicht wissend, wann es einen nächsten gibt.

Navid Kermanis Buch, Moises Samans Fotografien. Ein kurzer, aber ein erschütternder Einblick in eine nicht allzu ferne Welt. „Es herrscht Krieg an den südlichen und östlichen Grenzen unseres Wohlstandsghettos, und jeder einzelne Flüchtling ist dessen Bote“, schreibt Kermani. Er versucht dabei allerdings nicht seine Leser zu mehr Engagement für Flüchtlinge aufzurufen,  (dies wäre, in Anbetracht seiner Eindrücke von der „Drehscheibe“ in Köln auch weniger nötig) im Gegenteil: Er setzt sich kritisch mit den aktuellen Problemen auseinander. Er akzeptiert, „daß man Menschen abweist, beziehungsweise abschiebt, wenn die weder bedroht sind noch eine Perspektive haben, Arbeit zu finden.“ Auch wenn ihm dies als Einwandererkind sichtlich schwerfällt.

„Einbruch der Wirklichkeit“ schildert zunächst einmal die momentane Situation. Eine Situation, die, ungeachtet der täglichen Nachrichtenbilder, uns immer noch nicht nah genug, nicht deutlich genug, im Bewusstsein verankert zu sein scheint. Was Kermani und Saman sahen und hörten, muss jedem vorgelegt werden, der eine Meinung zur Flüchtlingspolitik haben möchte. Ganz gleich, worin diese Meinung bestehen soll.

Navid Kermani: „Einbruch der Wirklichkeit – Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa“
C.H.Beck Verlag, 96 Seiten, 10 Euro
ISBN: 978-3-406-69208-6

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