Istanbuls Straßen nach dem Terroranschlag

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Was passiert nach einem Terroranschlag? Wie verhalten sich die Einwohner der betroffenen Stadt? Wie die Einsatzkräfte, der Staat? Was bedeutet Terror für das pulsierende Leben einer Metropole? Während in den Nachrichten der Fokus auf Tathergang und Opfern liegt, frage ich mich stets, was mit einer Stadt geschieht, nachdem sie angegriffen wurde. Seit gestern weiß ich es.

Ich bin gerade wieder in Istanbul. Meine Familie und enge Freunde sind es auch. Gestern feierte ich die Verlobung mit meiner Freundin im Istanbuler Stadtteil Kadıköy. (Über den Ablauf werde ich zu einer anderen Zeit noch ausführlicher berichten) Die Feier sollte um 1 Uhr am Mittag starten. Während wir auf die angekündigten 70 Gäste warteten, sagte mir meine Freundin, dass es in der Nähe des Taksim-Platzes einen Anschlag gab und einige Gäste wohl nicht kommen werden. Da meine Freunde und Familie mit mir auf der asiatischen Seite der Stadt waren, war ich nicht direkt besorgt. Das traf natürlich nicht auf die Verwandten in Deutschland zu, die sich nach und nach bei uns meldeten. Wir bekamen Anrufe aus der Heimat, WhatsApp- und Facebook-Nachrichten. Eine ausgelassene Feier schien für einen Augenblick undenkbar. Doch nachdem alle Mitteilungen beantwortet, die Verwandten in der Heimat beruhigt und auch ein kurzes Statement auf Facebook verfasst waren, konnte die Verlobung durchgeführt werden. Leider mit weniger Gästen, als erwartet. Leider mit gedämpfter Stimmung.

Schon während des Nachmittags bekamen wir Probleme mit dem Zugang auf Facebook. Die türkische Regierung entschloss sich wieder einmal das Netzwerk lahmzulegen. Wir hatten zwar mittlerweile unsere Angehörigen informiert, aber wie schlimm muss es für jene sein, die ihre Angehörigen in Istanbul wissen, jedoch vergeblich auf eine Nachricht im Netz warten? Glücklich ist, wer die nötigen Apps hat, um diese Sperre zu umgehen.

Nach Verlobungsfeiern ist es in der Türkei üblich, dass die jüngeren Leute, sozusagen der „harte Kern“, noch ein wenig ausgehen. Mit einer kleinen Gruppe besuchten wir also eine Bar in Kadıköy. Schon der kurze Weg dorthin war anders als gewohnt. Später Samstagnachmittag. Eigentlich ist auf den Straßen in diesem Viertel zu dieser Zeit kein Durchkommen. Wenn der Anschlag auch viele Kilometer weit weg geschehen war, blieben die meisten Menschen zuhause. Dafür verstärkten sich die Polizeikräfte. Als wir ins DorockXL kamen (eine Mischung aus Restaurant, Bar, Konzerthalle und Café), staunte ich nicht schlecht: Für gewöhnlich bekommt man samstags hier nicht auf Anhieb einen Tisch. Doch gestern waren von den schätzungsweise über 100 Tischen gerade einmal 2 besetzt. Das für den Abend angekündigte Konzert des Sängers Hayko Cepkin: abgesagt. Auch die Konzerte heute und morgen werden verschoben.

Als wir etwas später unsere Lokalität noch einmal wechselten, verzichtete man dort gänzlich auf Musik. Nur ein Fußballspiel des Istanbuler Vereins Beşiktaş wurde live, jedoch ohne Ton, übertragen. Auch auf dem Heimweg war das Bild nicht viel anders. Die Straßen leer. Die Bewegungen der Menschen langsam. Einige Männer schlenderten die Straßen hinab, ein paar andere waren mit Aufräumen beschäftigt. Neugierige Touristen? Fehlanzeige. Jugendliche Nachtschwärmer, bunte Party-People oder hungrige Restaurant-Gäste? Nicht an diesem Samstag. Alles war ruhig. Beeindruckend und beängstigend langsam. Taxifahrer, die in Istanbul selten zum stehen kommen, reihten sich mit ihren Fahrzeugen entlang der Fährstraße. Ihnen blieb nur der Tee und die Diskussion mit den Kollegen.

Auch wenn es nirgends so sicher ist, wie in einer Stadt direkt nach einem Terroranschlag, fühlte ich mich erst wieder richtig wohl, als alle von uns zurück in den Unterkünften waren. Hier schauten wir nochmals auf die die Berichterstattung der deutschen Medien. Man sprach von der Dankbarkeit der Istanbuler Jugend gegenüber der deutschen Regierung. Denn wir Deutsche waren gewarnt worden. Vor zwei Tagen schon gab es Hinweise auf einen Anschlag in der Nähe des Taksim-Platzes oder auf der anliegenden Einkaufstraße Istiklal. Die türkische Regierung gab diese Hinweise nicht an ihre eigene Bevölkerung weiter und nur des Austausches zwischen jungen Deutschen und Türken ist es vielleicht zu verdanken, dass gestern weniger Menschen auf der Istiklal unterwegs waren. Und somit wahrscheinlich verhindert wurde, dass es mehr als fünf Tote und 36 Verletzte zu beklagen gibt. Die gestrige Wut, einer meiner Istanbuler Freundinnen, auf ihre Regierung kann ich gut nachvollziehen.

Doch wieder frage ich mich: Gewinnt der Terrorismus, wenn wir unser Leben an ihn anpassen, ja sogar direkt auf ihn reagieren, oder ist die zeitweise Entschleunigung  einer Metropole auch nur Ausdruck der Routine, die sich unsere Welt mittlerweile zu eigen gemacht hat, da wir letztlich alle wissen, dass auch nach einem Terroranschlag das Leben weiter geht.

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