„Angst ums Abendland“ – Das konstruierte Feindbild Islam

Daniel Bax - Angst ums Abendland
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„Das Europa der Zukunft wird säkular, christlich, jüdisch, muslimisch, atheistisch, buddhistisch, humanistisch und vieles mehr sein – oder es wird nicht sein“, lautet der letzte Satz in Daniel Bax erstem Buch „Angst ums Abendland – Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten“. In drei Teilen erzählt Bax von der Geschichte der Islamophobie, den aktuellen Konflikten mit dem Islam und gibt einen Ausblick, wie sich der alles beherrschende Kulturkampf entwickeln könnte. Doch sein Schlusssatz, Sieg oder Niederlage, findet sich im gesamten Buch deutlich differenzierter wiedergegeben. 

Das Buch erschien bereits im vergangenen Jahr, gewinnt jedoch täglich an Aktualität. Nicht zuletzt durch die immer offensiveren Kampfansagen der AfD an den „Islam“. Denn genau darum geht es Daniel Bax. Sachlich und ruhig legt er die wahren Absichten europäischer Rechtspopulisten offen. Im ersten Teil des Buches nennt er die führenden Charaktere des Feldzuges gegen den Islam. Von Stichwortgebern, wie Gisèle Littman (auch bekannt als Bat Ye’or), und amerikanischen Vordenkern, wie Samuel Huntington (Kampf der Kulturen, 1996), bis zu europäischen Politikern, wie Marine Le Pen (Front National, Frankreich) oder Geert Wilders (Partij voor de Vrijheid, Niederlande) führt er die „Helden“ der Neuen Rechten auf und vor. Bax beschreibt, wie sich Parteien und rechte Politiker, auch hierzulande, das Feindbild Islam konstruiert haben, um ihre ursprünglichen politischen Ziele zu verschleiern und durchzusetzen.

Rechts ist nicht gleich rechts

Das Problem dabei ist, dass sich die Neuen Rechten im europäischen Vergleich stark unterscheiden. Ihre Gemeinsamkeit liegt einzig und allein darin, dass sie eine homogene Gesellschaft fordern, in der der Islam den Feind darstellt. So kommt es, dass sich Geert Wilders beispielsweise für Homosexuelle starkmacht und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) offiziell für die Belange der serbischen Minderheit eintritt. Getreu nach dem Motto, der Feind meines Feindes ist mein Freund. Mit dem klassischen Rassismus hat dies wenig zu tun. Bax nennt es „antimuslimischen Rassismus“ und übernimmt hier die Ansicht der modernen Rassismusforschung. Doch ist dies nur eine Tarnung. Am Weltbild der Rechten hat es nichts geändert.

Wenn ein enthemmtes und radikalisiertes Bürgertum erst einmal gegen eine Minderheit mobil machen kann, dann kann es das auch gegen andere Gruppen tun.

– Daniel Bax

Die Heuchelei wird auch an anderer Stelle sichtbar. Ein Kapitel im Buch beschäftigt sich mit den „Kronzeugen“. Menschen, wie Hamed Abdel-Samad und Necla Kelek projizieren ihr eigenes dramatisches Schicksal auf die gesamte Religion, der sie einst angehörten, um im nächsten Moment als „säkulare“ Muslime an Integrationsräten der Bundesregierung teilzunehmen. Einen Fehler begehen sie allerdings immer: Sie unterscheiden nicht zwischen dem politischen und gewalttätigen Islamismus und den übrigen 99% der Muslime. Diese vereinfachte Sichtweise ist auch auf Veranstaltungen der AfD gern gesehen.

Sei vorsichtig, bei der Wahl deiner Verbündeten

Der zweite Teil des Buches bietet einen umfassenden Überblick der immer wiederkehrenden Debatten zum Islam. Minarett- und Kopftuchverbote werden genauso behandelt, wie die Frage nach Satire und Meinungsfreiheit. Baxs Buch liefert hier klare Argumente und einleuchtende Gedanken, die in den Debatten nicht fehlen dürfen. So fragt er beispielsweise, ob „eine Frau, die mit Kopftuch Beamtin werden will, damit nicht gerade [zeigt], dass sie sich mit diesem Staat und seiner Gesellschaftsordnung identifiziert?“ Er widerspricht damit den ständigen Versuchen, alle Zeichen muslimischen Lebens in Europa aus der Öffentlichkeit zu verbannen.

Paradoxerweise sind gerade konservative und fundamentalistische Christen, die sich über die Ungleichbehandlung und Diskriminierung von Christen in muslimischen Ländern empören, selbst an vorderster Front dabei, wenn es darum geht, Muslimen in Europa gleiche Rechte zu verwehren.

– Daniel Bax

Eine zentrale Warnung spricht der Autor auch gegen Ende des Buches aus, indem er die Anhänger der Trennung von Kirche und Staat davor warnt, sich zu Komplizen des religiösen Fundamentalismus zu machen. Die Kirchen in Deutschland verstehen es noch immer gut, ihre Privilegien zu schützen. Sei es durch hervorragende Lobby-Arbeit im Bundestag oder der Drohkulisse eines missionierenden Islams. So rechnet Bax auch mit dem letzten deutschen Papst Ratzinger, dem ehemaligen Kölner Erzbischof Meisner und dem ehemaligen Vorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschland Huber ab. Wer nun denkt, dass die drei Genannten ja allesamt nicht mehr im Amt sind, verkennt erstens ihren noch immer währenden Einfluss, als auch den deutlich gestiegenen Einfluss der ultrakonservativen Evangelikalen auf die deutsche Politik und Medienlandschaft. Beispiele hierfür nennt Daniel Bax in seinem Buch zahlreich.

Noch ist nicht alles verloren

Von zivilgesellschaftlichem Engagement und positiver Symbolpolitik kann Bax allerdings auch berichten. Statements à la „Der Islam gehört zu Deutschland“ sind gut und richtig. Es bedarf ihrer jedoch deutlich mehr. Wir müssen die Populisten entlarven, den Neuen Rechten argumentativ begegnen und dürfen uns nicht unbeteiligt geben, weil sie sich „nur“ auf den Islam eingeschossen haben. Denn gleichzeitig sägen Front National, Vlaams Belang, AfD, Lega Nord und die anderen Rechtsaußen-Parteien an unseren Werten. An Religionsfreiheit, an Meinungsfreiheit, an sexueller Selbstbestimmung und an so ziemlich jeder Freiheit, die wir uns in Jahrhunderten europäischer Geschichte erkämpft haben.

Wer nun beantworten möchte, warum wir vor den Islamfeinden mehr Angst haben müssen, als vor Muslimen, findet nach einer spannenden und umfassenden Hinleitung, durch den gesamten Themenkomplex unserer aktuellen Islam-Debatten inklusive PEGIDA, Charlie Hebdo, Henryk M. Broder, den Salafisten in Deutschland und dem Islamischen Staat, die einfache Antwort: „Die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht“.

Daniel Bax: „Angst ums Abendland: Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten“
Westend, 2015, 288 Seiten, 17,99€
ISBN: 978-3864890994

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