Missionsarbeit im Stadt Kurier – Das letzte Gefecht?

Warning: Illegal string offset 'filter' in /customers/7/6/8/trotat.de/httpd.www/wp-includes/taxonomy.php on line 1442
Share Button

Fast scheint es, als schicke der „Chefredakteur“ des Stadt Kuriers nun seine Fußtruppen in die Schlacht. Denn als Kavallerie geht die Autorin des unteren Artikels auf der aktuellen Titelseite wohl kaum durch. Sie versucht sich an der Königsdisziplin ihres „Feldherrn“ beim Neusser Anzeigenblatt: Missionsarbeit.

Doch der Reihe nach. Mit ihrem am 7. Mai erschienenen Artikel, zu Kirchen(wieder)eintritten in Neuss, setzt die Autorin die christliche Missionsarbeit im Stadt Kurier fort. Unter dem Titel „Kirche wird wieder beliebter: Immer mehr verlorene Schafe kommen wieder zurück“ versammelt sie eine ganze Reihe an unbelegten Behauptungen und viel zu kurz greifenden „Recherchen“. Ein prüfender Blick scheint daher angebracht.

Der Artikel spricht von einer „deutlich“ gestiegenen Anzahl an Menschen, die wieder in die Kirche eintreten. Als Beleg gibt die Autorin für das Jahr 2015 die Ziffer sechs an und für das erste Quartal 2016 ebenfalls dieselbe Zahl. Gemeint ist hier die evangelische Gemeinde in Neuss. Im weiteren Verlauf des Artikels wird keine Rücksicht mehr auf Zahlen genommen. Warum auch, das Erreichen der gleichen Anzahl Kircheneintritte nach drei, anstelle von zwölf Monaten, ist „deutlich“ genug. Es fehlt allerdings noch die katholische Kirche. Der wird in einem späteren Satz jedoch gar kein Anstieg zugesprochen. Aus, „auch die katholische Gemeinde freut sich über die anhaltende Beliebtheit„, leitet sich lediglich eine konstante Mitgliederzahl ab. Nicht mehr und nicht weniger. Das dies nicht einmal stimmt, werden wir noch sehen.
Der übrige Teil des Artikels teilt sich in klassische Missionsarbeit auf. Im zweiten Textabschnitt werden Gründe für einen Wiedereintritt genannt und in den Abschnitten vier und fünf wird detailliert erklärt, wie der interessierte Leser selbst den Kirchen(wieder)eintritt vollziehen kann. (Der Fairness halber versteckt sich hinter diesem Link eine Anleitung zum Kirchenaustritt. Karma und so.)
Dazwischen, wir befinden uns in Textabschnitt drei, zitiert die Autorin den katholischen Geistlichen Msgr. Assmann mit der hoch provokanten Aussage, „eine Gesellschaft ohne Religion hat keine Kultur„. Wäre der Stadt Kurier eine echte Zeitung, wäre dieses Zitat nur schwerlich in unkommentierter Form abgedruckt worden. Kritiker könnten eine verfassungsfeindliche Haltung beim Zitierten diagnostizieren.

Doch kommen wir zurück zum „Aufhänger“ der Story. Streng genommen ist die Aussage im Titel gar nicht falsch. Zumindest beim Vergleich 15/16 und bei der evangelischen Kirche in Neuss. Doch verhält es sich mit den sechs zurückgewonnenen „Schäfchen“ eher so, wie mit der Aussage, dass die gesamte Erde ein Eisplanet sei. Was offenkundig falsch und absurd ist. Doch, wer sich nur am Nordpol umschaut, wird schwerlich die gesamte Erdkugel beschreiben können. Genauso kann jemand, der nur eine Handvoll Kircheneintritte betrachtet, und nicht die wesentlich höheren Austritte, keine Aussage zur Gesamtheit treffen.
Daher muss an dieser Stelle einmal gesagt werden, dass die Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen in Neuss weiter schrumpfen. Seit Jahren hält der Trend an. Das Rathaus in Neuss versorgt seine Bürger und sogar die „Lokalreporter“ mit öffentlich einsehbaren Statistiken. Wirft man einen Blick hinein, so stellt man fest, dass es am 1.1.2015 (aktuellste verfügbare Statistik) 988 Katholiken und 563 Protestanten weniger in Neuss gab, als im Jahr zuvor. Am 1.1.2014 gab es 819 bzw. 438 staatlich erfasste Christen weniger als im Jahr davor, und am 1.1.2013 gab es 637 bzw. 290 weniger als im Jahr 2012. Man sieht, dass die Zahl der Kirchenaustritte in den vergangenen Jahren stetig zunahm und, in ihrer Höhe, in einem krassen Gegensatz zu den sechs Wiedereintritten steht. Fachleute gehen zwar momentan davon aus, dass die Zahl der Kirchenaustritte seit 2015 etwas sinkt, doch liegt das wahrscheinlich an der im vergangenen Jahr geänderten Kirchensteuereinzugsmethode.

Nichtsdestotrotz: Um die seit 2003 (älteste verfügbare Statistik) ausgetretenen 8889 Katholiken und 3391 Protestanten wieder wettzumachen, würde es etwas mehr benötigen, als nur sechs Wiedereintritte pro Quartal. Prozentual rutschen die Katholiken übrigens von 50,3% auf 43,9% und die Protestanten von 19,8% auf 17,3%. Bevor ein schlauer Fuchs nun auf die Idee kommt, dass dies womöglich den „ganzen Ausländern, die alle zu uns kommen“ zu verdanken ist, weil die „ja eh alle Muslime sind“, dem sei an dieser Stelle entgegnet, dass in Neuss der Bevölkerungsanteil der „Deutschen“ im Referenzzeitraum von 2003 bis 2015 um 1677 Menschen anstieg und der Bevölkerungsanteil der „Ausländer“ lediglich um 512 Menschen.

Nach der Betrachtung aller wichtigen Zahlen, also des „gesamten Planeten“, kann man nur den Schluss ziehen, dass beim Stadt Kurier immer noch alles dafür getan wird, die „Frohe Botschaft“ des christlichen Glaubens zu proklamieren. Zumindest jene aus Rom, da im vorliegenden Text Protestanten mit dem abwertenden Begriff „Evangelen“ bezeichnet wurden. Was natürlich auch auf schlichte Unkenntnis deuten kann.
Doch spielt die Konfession auch keine Rolle, solange der Stadt Kurier-Leser zweimal wöchentlich daran erinnert wird, dass der „Christengott“ die Neusser besonders lieb hat. Die unverhältnismäßig oft auf der Titelseite erscheinende Thematik Christentum wird meist als Reportage oder Nachricht getarnt, ist jedoch bei genauerer Betrachtung nichts anderes, als eine persönliche Meinung. Besonders pikant sind die immer wiederkehrenden Behauptungen im Blatt. Da heißt es beispielsweise auch in diesem Artikel wieder: „Übrigens zeigen Studien: Wer eine Religion hat, ist glücklicher.“ Ich möchte anmerken, dass ich seit drei Jahren auf einen Beleg zu dieser äußerst fraglichen Aussage warte. Auch hier wieder eine Behauptung ohne Quelle. Und es ist ja nicht so, als hätte ich die beschworenen Studien nicht schon einmal angefragt…

Ja, ich weiß: Der Stadt Kurier wird sich nicht ändern. Er wird, zumindest unter dem jetzigen “Chefredakteur“, ein Kirchenheft bleiben, für dessen Zustellung man normalerweise Mitglied einer Glaubensgemeinschaft sein muss. Dennoch: Ich widerspreche der parteiischen „Berichterstattung“ in dem Heft, welches kostenfrei in den Postkästen vieler unbescholtener Neusser Bürger landet.
Ich hoffe, dass sich der objektive und kritische Blick auf die Inhalte des Stadt Kuriers verbreitet und irgendwann durchsetzt. Genauso, wie ein Konkurrenzblatt ein Segen für die Neusser Medienlandschaft wäre, denn dann wird die als lokales Druckerzeugnis getarnte Missionierung in Neuss ihr letztes Gefecht bestreiten…

+ Und noch ein Tipp für die Redaktion des Stadt Kuriers: Wer Hashtags in der Printausgabe abdruckt, sie aber im Online-Artikel nicht verwendet, der hat weder ihre Funktion noch ihre Handhabung verstanden.

+++ UPDATE 9.05.16: 

In einer früheren Version des Artikels wurden lediglich die Gesamtzahlen der katholischen und evangelischen Bevölkerung in Neuss berücksichtigt. Es wurde kritisiert, dass der Rückgang an Mitgliedern auch durch Wegzug oder Sterbefälle zustande gekommen sein könnte. Nach Angaben des Amtsgerichtes Neuss ist dem allerdings nicht so. Die offiziellen Zahlen von dort sagen, dass im Jahr 2014 ganze 1319 Katholiken aus der Kirche ausgetreten sind. Während die Gesamtzahl der Neusser Katholiken (wie bereits im Artikel erwähnt) nur um 933 sank. Im selben Jahr traten 778 Protestanten aus der Kirche aus, während die Gesamtzahl der Neusser Protestanten nur um 563 Menschen sank.
Weiterhin teilte das Amtsgericht mit, dass im Jahr 2015 weniger Menschen austraten. So waren es 1067 Katholiken und 605 Protestanten. Der Grund für diesen Abgeschwächten Rückgang, nämlich das Rekordhoch im Jahr 2014, wurde oben im Artikel bereits behandelt.

Titelbild: © by Steelman on Wikimedia Commons – Das Titelbild zeigt Zeugen Jehovas, die an Haustüren missionieren. Die Missionsarbeit des Stadt Kuriers hingegen ist intensiver.  

Share Button

Ein Gedanke zu „Missionsarbeit im Stadt Kurier – Das letzte Gefecht?

  1. Ja, die Samstag-Ausgabe des Stadt-Kurier war wieder herrlich…
    Noch krasser als den Missonsartikel fand ich allerdings den Hauptartikel vom messerstechenden und vergewaltigenden Afrikaner, dessen Adresse sogar genannte wurde (ohne, das dessen Schuld gerichtlich bewiesen wurde). Herrlich auch die Aussagen der jungen Frau (sie schneidet einem Stadt-Kurier-Redakteur zeitweise die Haare (!!!)), die dem linken Lager zugerechnet wird und von nun an alle Nordafrikaner pauschal verurteilt. So schlimm das Thema ist, der Artikel eignet sich wunderbar als Satire – erschreckend, dass viele Menschen den Inhalt erst nehmen. Und noch schlimmer: Der Artikel ist tatsächlich erst gemeint.
    Ich frage mich immer wieder, warum ich das Käseblatt überhaupt noch lese…
    Viele Grüße
    Jannick

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.