Rheinische Post bedient Rethorik aus dem Kalten Krieg

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Die Titelseite der aktuellen Wochenendausgabe der RP zeigt ein Motiv aus dem Kalten Krieg. Das Thema ist jedoch aktuell. Auf eine historische Einordung legt die Rheinische Post offenkundig keinen Wert. Was wollen uns Autor oder Layouter damit sagen? 

Im Artikel „Russland greift im Netz an„, vom 14./15. Mai geht es um die zunehmenden Cyberattacken auf staatliche und privatwirtschaftliche Server, hinter denen mit hoher Wahrscheinlichkeit der russische Staat steckt. Der Artikel hat durchaus seine Berechtigung. Die Angriffe im Internet nehmen zu und gehören auch von der Öffentlichkeit diskutiert. Die Zusammenfassung der neuesten Angriffe und die geplante Aufrüstung der Bundeswehr im digitalen Raum sind richtige Bestandteile des Artikels. Nichtsdestotrotz hätte ein großer Abschnitt zu anderen digitalen Angreifern (man denke an Indien, Deutschland selbst, die USA und vor allem China) ebenfalls im Artikel notgetan. In der vorliegenden Version ist der Artikel inhaltlich sehr einseitig.

Der Hauptkritikpunkt, welcher hier behandelt wird, gilt allerdings dem Artikelbild. Wahrscheinlich stutzten mehrere Leser der Wochenendausgabe, als sie gestern ihre Zeitung in den Händen hielten. An prominenter Stelle wurde ein Wahlplakat der CDU von 1953 in leicht abgeänderter Form abgedruckt. Zu sehen waren rote Strahlen auf schwarzem Grund, deren Flucht zum Horizont verläuft. Dahinter ein finster dreinblickender Mensch mit militärischer Schirmmütze. Die Unterschiede zum Original von 1953 sind marginal. Es wurde die grafische Qualität verbessert, Hammer und Sichel durch die russische Nationalflagge ersetzt und der dunkle Hintergrund durch Nullen und Einsen im Matrix-Style ergänzt. Es fehlt der Text zum Bild „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau – Darum CDU“

Ein Motiv direkt aus dem Kalten Krieg

Wie schon erwähnt, entstammt das Motiv dem Bundestagswahlkampf 1953. Die damalige CDU wollte damit zum Ausdruck bringen, dass eine Stimme für den politischen Gegner, die SPD, letztendlich zum russischen Kommunismus führt. Dazu muss man sagen, dass derartige Negativ-Plakate in der damaligen Zeit durchaus üblich waren. Auch die FDP schlug mit ihrem „Wo Ollenhauer pflügt, sät Moskau“-Plakat in die gleiche Kerbe. Das war zwar damals schon falsch (der SPD konnte nun wirklich zu keiner Zeit eine totalitäre Absicht unterstellt werden), aber im Zuge des Ost-West-Konflikts zumindest nachvollziehbar. Heute dagegen ist die Welt eine andere. Stereotype, die vor einer „roten Gefahr“ aus dem Osten warnen, haben in unserer Welt nichts mehr verloren. Besonders dann nicht, wenn man sich anschaut, woher diese Stereotype kommen.

Wider dem Bolschewismus, wider dem Russen!

Die Weimarer Republik war ebenfalls ein politisch heiß umkämpftes Pflaster. Während heutzutage Wahlplakate vorwiegend eine „Friede, Freude, Eierkuchen“-Mentalität bei den Volksparteien ausstrahlen, waren aggressive Zeichnungen an der Tagesordnung. So stilisierte sich die Zentrums-Partei zum Bollwerk aus bürgerlichen und christlichen Idealen gegen den Kommunismus. Die Deutschnationale Volkspartei, kurz DNVP, (deren Abgeordnete 1933 in die NSDAP eintraten) wollte im Wahlkampf die deutschen Gebiete im Osten ebenfalls vor einer „roten Gefahr“ retten. Auf die Spitze trieb es schon 1919 die Bayrische Volkspartei, deren Wahlplakat einen rot uniformierten Mann zeigt, der Berlin bereits fest im Griff hat und nun mit einer Fackel auf München zeigt. Dazu die Warnung an das Volk: „Bayern, der Bolschewik geht um!“

Während des 2. Weltkrieges musste das Motiv des „gefährlichen Bolschewiken/Russen“ ebenfalls herhalten. So beispielsweise bei der Kriegspropaganda der Nazis, die vor einer Kapitulation warnte, weil „Sklaverei, Vergewaltigung und Massenmord“ durch den Bolschewismus drohten. Gleich mehrere Plakate in den letzten Kriegsjahren sollten dies der Bevölkerung immer und immer wieder eintrichtern.

Versinken in alte Denkmustern 

Als die CDU 1953 dieses Motiv im Bundestagswahlkampf bediente, musste man bereits den gesamten Hintergrund miteinbeziehen. Dass die NPD bei einer Landtagswahl 1972 das CDU-Plakat als Grundlage übernahm, ist schon ein gutes Zeichen dafür, dass von diesem Motiv Abstand zu halten ist. Dennoch ist die Rheinische Post nicht die erste konservative Zeitung unserer Tage, die sich mit dieser Bildauswahl berechtigte Kritik einfängt. Schon vor zwei Jahren war das Motiv (sogar mit Hammer und Sichel) auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung abgedruckt worden.

Beide Beispiele zeugen von einer Propaganda, welche absolut fehl am Platz ist. Man kann diese Bilder nutzen, aber nicht ohne einen erklärenden Kommentar. Auf die sonst übliche Bildunterschrift verzichtet die Rheinische Post dieses Mal sogar gänzlich. Fast erhält man den Eindruck, der Kalte Krieg würde wieder herbeigesehnt. Immerhin gab es seinerzeit ein eindeutiges Feindbild. Eben das, des roten Mannes, der nach dem Leben der westlichen Bevölkerung trachtet. Wer eine solche reduzierte Weltsicht hat, der hat die Komplexität der globalisierten Welt nach 1989 einfach nicht verstanden.

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