Kurzer Bericht aus Istanbul 06/16

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Ich war mal wieder in Istanbul. Wenn auch nur für eine Woche, so gibt es dennoch ein paar Sachen, die ich hier aufschreibe. Zwar ist dieser kleine Bericht aus Istanbul viel kürzer als die Texte vom letzten Jahr, jedoch ist er eher als Ergänzung zu verstehen. Dieses Mal geht es um ein ziemlich großes Problem, um Kindheitserinnerungen aus der Heimat und eine kleine Freude, die man Schülern machen kann, die einen wohl nie zu Gesicht bekommen. 


Ein Brautpaar posiert für Hochzeitsfotos vor einer atemberaubenden Kulisse - Doch sind sie vom Müll umgeben
Ein Brautpaar posiert für Hochzeitsfotos vor einer atemberaubenden Kulisse – Doch sind sie vom Müll umgeben

Ein zweckentfremdetes Kulturdenkmal als Mülldeponie

Die Touristen in Istanbul bemerken in der Stadt unzählige Gegensätze. Kulturelle Unterschiede aus dem Orient und dem Okzident treffen hier aufeinander. Aber auch alltägliche Gegensätze sind offensichtlich. Religiöse Stadtviertel, in denen Männer mit traditionellen Gewändern und langen Bärten die große Mehrheit bilden, liegen neben modernen Einkaufstraßen, deren Besucher auf der Jagd nach dem besten Markenartikel sind. Eine neue Sport- und Freizeitanlage ist umgeben von heruntergekommenen Mehrfamilienhäusern und neben der Filiale eines amerikanischen Fastfood- Giganten versucht ein alter Mann die Handvoll Muscheln zu verkaufen, die auf einem ausgebeulten Blech vor ihm liegen.

In jedem Loch finden sich Müllhalden
In jedem Loch finden sich Müllhalden

Ein anderer Gegensatz fällt auch öfters ins Auge. Einkaufstraßen, Sehenswürdigkeiten und Parks werden regelmäßig von städtischen Reinigungskräften aufgesucht. Die zahlreichen Abfalleimer werden dort gelehrt, der Müll von Gehwegen und Blumenbeeten aufgelesen. An manchen Stellen mehrmals täglich. Auch die privaten Wohnanlagen und Siedlungen sehen wie gemalt aus.

Ganz anders in den ärmeren Wohngegenden. Hier fehlt die Unterstützung der Stadt, von der regulären Müllabfuhr einmal abgesehen, sogar gänzlich. Doch nicht nur dort. Besonders schlimm ist die Lage in Rumeli Feneri, einem kleinen Ausflugsziel ganz im Norden der Stadt. Hier, am linken Ufer des Bosporus und an der Mündung zum Schwarzen Meer, steht ein frühneuzeitliches Fort. In Busladungen kommen die Istanbuler täglich hierher, um die alten Mauern zu bestaunen, den Blick auf die See schweifen zu lassen oder im nahegelegenen Dorf ein gutes Essen zu sich zu nehmen.

Der Blick in den Innenhof der Anlage zeigt auch weiße Punkte - Es ist umherfliegender Plastikmüll
Der Blick in den Innenhof der Anlage zeigt auch weiße Punkte – Es ist umherfliegender Plastikmüll

Doch es fehlt an Abfalleimern und städtischer Aufsicht. Die zahllosen Ausflügler werfen ihren Abfall genau dorthin, wo er anfällt: Auf die Felsen vor den Mauern, ins Gras neben der Picknickdecke im Innenhof oder sogar in die begehbaren Türme und Kammern der Anlage. Der Küstenwind erledigt hier sein Übrigens und verteilt die leichteren Plastikteile in Richtung Landesinneren. Die Wiesen um die Mauern herum, auf denen einige Kühe grasen, zeigen mehr weißes Plastik, als grünes Gras. Die historische Stätte selbst ist derart zugemüllt, dass einige Räume schlicht nicht betretbar sind.

Diese Katzenmutter hat sich nicht gerade den saubersten Ort für die Aufzucht ihrer Jungen ausgesucht.
Diese Katzenmutter hat sich nicht gerade den saubersten Ort für die Aufzucht ihrer Jungen ausgesucht.

Es wäre nun falsch die Schuld allein einer untätigen Behörde zuzuschreiben, auch die Bürger vor Ort sollten dringen anfangen über die Auswirkungen ihres Verhaltens nachzudenken. Ein Konzept zur Aufklärung im Umgang mit Müll könnte hier ein erster Schritt sein. Nicht nur für das Ausflugsziel in Rumeli Feneri, sondern auch für die anderen Orte, an denen nicht von morgens bis abends Aufräumtrupps für Ordnung sorgen.

„Pustest du meinen Kuchen aus?“

Erst werden die Kerzen ausgeblasen....
Erst werden die Kerzen ausgeblasen….

Einen weiteren Gegensatz findet man, wenn man sich die demografische Landkarte der Türkei ansieht. Es gibt hier ein Armutsgefälle in Richtung Osten. (Eine Beobachtung, die auch in vielen anderen Ländern gemacht wird) Viele Menschen sind arm und führen ein sehr einfaches Leben. Darunter sind besonders im Südosten viele Kurden. Einige der Kinder dort haben wahrscheinlich noch nie eine Torte gegessen.

... und dann zugelangt. Afiyet olsun!
… und dann zugelangt. Afiyet olsun!

Das jedenfalls dachten sich die Initiatoren eines Projektes auf facebook, welches vor gut einem halben Jahr gegründet wurde. Es trägt den Namen „Pastamı Üfler misin?„, was übersetzt „Pustest du meinen Kuchen aus?“ bedeutet. Der Sinn des Projektes ist nun, dass man, anstatt selbst eine (Geburtstags-)torte auszupusten und zu essen, diese einer Schulklasse spendet. Anlässliche meines Geburtstags, hatte meine Verlobte das getan.

links: "Alles beginnt mit dem Lächeln eines Kindes" rechts: "Hoffnung ist die Zukunft einer erfolgreichen Generation"
links: „Alles beginnt mit dem Lächeln eines Kindes“
rechts: „Hoffnung ist die Zukunft einer erfolgreichen Generation“

Jede Torte wird individuell angefertigt. Auch die Verzierung mit einem Spruch oder Gruß, legt der Spender selbst fest. Ebenso der Ort, an dem die Torte verteilt werden soll. Im laufe des ersten halben Jahres wurden so bereits die Kerzen von über 1.000 Torten von Kindern im Osten der Türkei ausgepustet. Ich hoffe die Kinder in der Provinz Van, im Grenzgebiet zu Iran, hatten ihre Freude daran. Am leckeren Kuchen hoffentlich auch 😉

Torte für Kinder, Spielzeug für Erwachsene

Ein Großteil der Spielsachen kommt aus Deutschland
Ein Großteil der Spielsachen kommt aus Deutschland

Einmal an die eigene Kindheit erinnert werden. An früher denken. Die kleinen Briefmarken, Stempel und Postkarten in der „Deutschen Kinderpost“ oder das fein säuberlich sortierte Kunststoffgemüse im Kaufmannsladen.  Bauklötze, Marionetten und steinalte Puzzle ließen mein Herz höher schlagen. Die zahlreichen Puppen eher weniger. Auf der asiatischen Seite Istanbuls gibt es ein Spielzeugmuseum. Das İstanbul Oyuncak Müzesi ist eine Sehenswürdigkeit, die man nicht unbedingt im Reiseführer findet. Auf 4 Etagen lassen sich hier Spielsachen aus vielen Ländern der Welt und mindestens zwei Jahrhunderten bestaunen.

Nazi-Actionfiguren als beliebtes Propagandamttel
Nazi-Actionfiguren als beliebtes Propagandamttel

Ein Großteil der Ausstellungsstücke kommt übrigens aus Deutschland. Besonders faszinierend ist ein Raum, der mit Puppenstuben und Modellwelten vollgestellt ist. Die detaillierte Modellwelten bieten nicht nur einen Eindruck in die Welt der Spielsachen von vor 100 Jahren, sondern haben gleichzeitig auch einen sozial-geschichtlichen Charakter. Historisch geht es auch im Nebenraum zu. Der Kurator des Museums schafft es mit Figuren aus Nazi-Deutschland zum einen das Spielzeug zwischen 1933 und 1945 darzustellen, und zum anderen wichtige Ereignisse zu benennen. So findet auch die Bücherverbrennung einen Platz neben den als Propagandamittel eingesetzten „Actionfiguren“ der Nazi-Größen.

Weil das Spielzeugmuseum in Istanbul wirklich eine Menge zu bieten hat, gibt es hier noch eine kleine Bildergalerie:

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