Gespaltene Nation am Tag der Republik

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Bağdat Caddesi in Kadıköy am Tag der Republik

Der 29. Oktober, Tag der Republik, ist einer der wichtigsten Nationalfeiertage der Türkei. Ausrufung der Republik und offizielle Staatsgründung. Interessanter als die Feierlichkeiten selbst, ist allerdings, von wem sie begangen werden. Eindrücke vom gestrigen Abend auf der Bağdat Caddesi in Kadıköy geben einen deutlichen Aufschluss zur Lage der Nation.  

Zum ersten Mal wurde mir gestern die Spaltung des türkischen Volkes in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Ein Nationalfeiertag, der die Bevölkerung des Landes eigentlich vereinen soll, wurde von lediglich einem Teil der Menschen gefeiert. Im Istanbuler Stadtteil Kadıköy waren zehntausende Menschen auf der Straße, um in einem Umzug mit Fackeln und Transparenten der Gründung ihrer Republik zu gedenken.

Der 29. Oktober – Tag der Republik

'Wir feiern unsere Republik'

‚Wir feiern unsere Republik‘

Der offizielle Feiertag, im Türkischen 29 Ekim Cumhûriyet Bayramı, beginnt bereits am 28. Oktober um 13 Uhr. Erinnert wird an die Erklärung der Republik durch Mustafa Kemal (später Atatürk), obwohl die Türkei bereits drei Jahre zuvor eine faktische Republik war. Denn am 23. April 1920 (ebenfalls ein Nationalfeiertag) etablierte sich die Große Nationalversammlung in Ankara. Es existierte zunächst jedoch noch die Regierung des Osmanischen Reiches in Istanbul. Erst nach den Befreiungskriegen setzte sich die Nationalversammlung, und somit die Republik gegen das Sultanat, durch.

So wurde die Türkische Republik am gestrigen Tage 93. Jahre alt. Auch wenn sich der wichtigste deutsche Nationalfeiertag (der 3. Oktober) in seiner Bedeutung durchaus mit jenem in der Türkei vergleichen lässt, so sind doch die Feierlichkeiten in Deutschland vergleichsweise unbedeutend. Militärparaden, Schulaufführungen und Festumzüge bestimmten jahrzehntelang den Feiertagsablauf am Bosporus. Von umfangreichen Dekorationen und Transparenten im öffentlichen Raum ganz zu schweigen.

Die ‚andere‘ Türkei wird vom Staat verboten 

li: 'Alles Gute zum Feiertag der Republik' re: 'Friede im Land, Friede auf der Welt!

li: ‚Alles Gute zum Feiertag der Republik‘
re: ‚Friede im Land, Friede auf der Welt!

Eine abgespeckte Version früherer Veranstaltungen wurde gestern in Kadıköy abgehalten. Gab es vor einigen Jahren noch Feuerwerke und riesige Konzerte, zeigt sich Erdoğans Türkei in Zeiten des Ausnahmezustands deutlich restriktiver. Die Feierlichkeiten in Istanbul wurden verboten. Wie so oft bei oppositionellem Interesse: aus Sicherheitsbedenken. Doch die Oppositionspartei CHP hielt sich nicht an das Verbot und veranstaltete dennoch einen Festzug.
Gänzlich aufräumen, mit dem Andenken an den Staatsgründer, kann Erdoğan (noch) nicht. Beispielsweise zeigte ihn ein Bild gestern bei einer Kranzniederlegung zu Ehren Atatürks. Einer Geste, die ihm sicherlich nicht gefallen hat. In Ankara wurde dann auch eine offizielle Parade veranstaltet. Der staatliche TV-Sender TRT übertrug das Spektakel mit Feuerwerk, Fackeln, Oldtimern und Marschmusik. In Istanbuls Straße hingegen nur Menschen, Fahnen und Polizeiabsperrungen.

Die Spaltung des Volkes ist sichtbarer denn je 

Doch welche Menschen waren gestern auf der Straße und skandierten ‚Ne mutlu Türküm diyene‘ (Wie glücklich ist, wer sich Türke nennt)? Es waren Linke, Intellektuelle und Kemalisten. Tausende Menschen habe ich gesehen, doch nicht eine Frau mit Kopftuch war darunter. Hier wurde die gesellschaftliche Spaltung deutlich. „Die Religiösen verabscheuen Atatürk“, erklärte mir eine Teilnehmerin, „deswegen feiern sie unsere Republik nicht.“ Und auch andere Sprechchöre deuten auf diese These. ‚Türkiye laiktir laik kalacak‚ (Die Türkei ist laizistisch und sie wird laizistisch bleiben) war mehrfach zu hören. Ebenso wie ‚Mustafa Kemal’in askerleriyiz‘ (Wir sind die Soldaten von Mustafa Kemal).

Filmaufnahmen zeigen, dass sich Kemalisten, trotz drohender Repressalien vom Staat, noch immer zu den Werten ihres Staatsgründers bekennen. So wurden Nationalhymne und der Izmir Marsch auf den Straßen gesungen. Zu den Sprechchören auf AKP-Veranstaltungen der letzten Monate gehörten hingegen ‚allāhu akbar‘ (arabisch: Gott ist größer) und ein Lied mit dem schlichten Refrain ‚Recep Tayyip Erdoğan‚ zum Repertoire des aktuell tonangebenden Bevölkerungsteils.

Die türkische Nation teilt sich zur Zeit in mindestens Kemalisten und religiöse AKPler. Von Kurden und anderen Gruppierungen ist hier allerdings noch nicht einmal die Rede. Es bleibt weiter abzuwarten, in welche Richtung sich dieses Auseinanderdriften entwickelt. Staatspräsident Erdoğan führt sich jedenfalls nicht wie ein Versöhner und Brückenbauer auf.

Im Folgenden drei kurze Videos vom Tag der Republik, sowie weitere Fotos mit Erklärungen:


Den inoffiziellen Feierlichkeiten in Kadiköy ging gestern auch ein traditioneller Motorradkorso voraus. Der Instagram-Account der Gemeinde publizierte am Abend dieses Video mit Impressionen der Veranstaltung. Weitere Eindrücke von mir gibt es im Anschluss.

 

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