Istanbuls Moscheen: Osmanischer Pomp vs. moderne Architektur

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Wenn in der Türkei neue Moscheen errichtet werden, so waren das bis vor kurzem Bauwerke nach immer gleichem Muster. Die osmanische Tradition, mit Minarett und Kuppel, wurde auch in der türkischen Republik fleißig gepflegt. Unterschiede finden sich lediglich im Detail und in der Größe. Dass dies nicht so sein muss, beweisen einige neue Gotteshäuser. Dabei stoßen die Architekten oft auf Kritik von religiös-konservativer Seite, obwohl der Koran bei der Errichtung einer Moschee viele Freiheiten lässt.

Die Çamlıca Moschee am 11.10.16 - Größtenteils fertiggestellt sind bereits die Minarette

Die Çamlıca Moschee am 11.10.16 – bald fertiggestellt sind bereits die Minarette

Eines der aktuellen Megaprojekte in der Türkei ist zweifelsohne der Bau der Çamlıca Moschee, wobei der endgültige Name noch nicht feststeht. Hier erfüllt sich Staatspräsident Erdoğan einen Traum. Seit 2013 wird auf der asiatischen Seite Istanbuls gebaut. Eröffnung sollte eigentlich am 1. Juni gewesen sein. Gut sichtbar ist der Moscheekomplex allerdings jetzt schon. Auf einem Hügel in Üsküdar errichtet, und mit den höchsten Minaretten der Welt ausgestattet (4x 107,1m, 2x 90m). Doch auch hier gilt der Stil aus osmanischer Zeit, der von einem Staat bevorzugt wird, der mit aller Macht zurück ins Sultanat strebt. Eine prunkvolle neo-osmanische Großmoschee ist ideal um die Vorherrschaft des Sultans/Staatspräsidenten zu symbolisieren. So haben es immerhin auch Erdoğans „Vorgänger“ Süleyman der Prächtige (Süleymaniye Camii) und Sultan Ahmet I. (Blaue Moschee) gemacht.

Die zeitgemäße türkische Moschee ist weiblich und schlicht

Gleichzeitig ist in der modernen Türkei aber auch ein gegensätzlicher Trend zu beobachten. Moderne Architektur findet einen Platz in der islamischen Gesellschaft. Wenn auch eher am Stadtrand. Immerhin: Es gibt sie. Nicht nur, dass sich die Architektur selbst in den letzten 10 Jahren verändert hat, sie hat auch mit Tabus gebrochen. So war 2009 erstmals eine Frau federführend für die Innenausstattung einer Moschee und im Jahr 2012 wurde ein Gotteshaus sogar gänzlich von einer weiblichen Architektin errichtet. Drei Beispiele sollen hier einen Einblick in den Fortschritt auf dem Gebiet des Moscheebaus geben.

Mihrab, Minbar und Minarett – Die wesentliche Struktur von Moscheen

Von den Byzantinern als erbaut, erhielt die Hagia Sophia, nach ihrer Umwandlung in eine Moschee, ebenfalls 4 Minarette

Von den Byzantinern als Kathedrale erbaut, erhielt die Hagia Sophia, nach ihrer Umwandlung in eine Moschee, ebenfalls 4 Minarette

Für den nicht muslimischen Leser mag an dieser Stelle eine kurze Beschreibung des Aufbaus einer Moschee hilfreich sein. (Der Kenner kann zum nächsten Kapitel springen.)

Auch wenn das islamische Gebet überall verrichtet werden kann, so gilt es in der Gemeinschaft, also in einer Moschee, als besonders verdienstvoll. Für das Freitagsgebet wiederum ist der Besuch im Gotteshaus obligatorisch.

Allseits bekannt, weil offensichtlich, ist das (bzw. sind die) Minarett(e) einer Moschee. Früher diente es dem Muezzin zum Ausrufen der Gebetszeit, heute sind dort Lautsprecher angebracht, über die der Ruf verbreitet wird. Allerdings ist die Tradition dieser Türme nicht so alt, wie der Islam selbst. Zu Anfang stand der Muezzin wohl lediglich auf dem Dach der Moschee, bevor dann um 700 n.u.Z. das Minarett eingeführt wurde. Verbreitet und beliebt, bedeutet im Fall dieser Türme keine theologische Notwendigkeit.

Zum Ritus des Gebetes gehören auch die Waschungen, welche zuvor durchzuführen sind. Einen Hinweis gibt Sure 9 Vers 108. („In ihr sind Männer, die es lieben, sich zu reinigen. Und Allah liebt die sich Reinigenden.“) Daraus werden die zur Verfügung gestellten Waschgelegenheiten einer Moschee abgeleitet. Moscheen haben oft einen Brunnen oder Wasserhähne mit vorgelagerten Sitzmöglichkeiten. Gerade bei größeren osmanischen Moscheen finden sich die sogenannten Şadırvan-Brunnen in einem der Moschee vorgelagerten Innenhof. Betritt man nun das Gebäude selbst, so findet man direkt hinter dem Eingang Regale, in denen die ausgezogenen Schuhe Platz finden. Der Gebetsraum ist komplett mit Teppich ausgelegt. Häufig hat dieser Linien oder Felder, damit sich die Betenden bei der Platzwahl orientieren können.

1: Kursi; 2: Mihrab; 3: Minbar in der Ulu Moschee in Bursa (c) Karelj, Wikimedia

1: Kursi; 2: Mihrab; 3: Minbar
(c) Karelj, Wikimedia

An der östlichen Wand findet sich der wichtigste Punkt einer Moschee: die Gebetsrichtung (arab. qibla). Hier gibt es eine weitere Vorgabe aus dem Koran. So legt Sure 2 Vers 144 die Gebetsrichtung fest. („Nun wollen Wir dir ganz gewiss eine Gebetsrichtung zuweisen, [..]. So wende dein Gesicht in Richtung der geschützten Gebetsstätte!“, gemeint ist die Kaaba in Mekka) Diese kann durch bloße Beschriftung oder einen Pfeil verdeutlicht werden, oder aber auch durch ein Mihrab, eine Gebetsnische. Der Mihrab zeigt die Gebetsrichtung und gleichzeitig auch den Platz des Vorbeters (arab. Imam) an. Ein schöner Nebeneffekt ist die verbesserte Akustik durch die halbrunde Form des Mihrab.

 

Rechts von der Gebetsnische findet sich bei Freitagsmoscheen (also den Moscheen, in denen freitags auch gepredigt wird) eine Kanzel, der sogenannte Minbar. Ursprünglich mit drei Stufen versehen, im Laufe der Zeit, und mit dem Aufkommen größerer Moscheen, aber auch mit einem Vielfachen von drei Stufen ausgestattet, predigt der Imam von der Zweitobersten Stufe aus, da die oberste Stufe dem Propheten vorbehalten ist. Links neben dem Mihrab befindet sich optional ein kleines Pult, welches beispielsweise für Koranrezitationen genutzt werden kann. Es ist niedriger als der Mihrab und wird Kursi genannt.

Die drei vorgestellten Moscheen und ihre jeweilige Lage in Istanbul (vlnr): Sancaklar, Şakirin und Deva Ulu

Die drei vorgestellten Moscheen und ihre jeweilige Lage in Istanbul (vlnr): Sancaklar, Şakirin und Deva Ulu

Für Frauen und Kinder gibt es in den Moscheen separate Räume, in denen sie der Stimme des Imam lauschen können. Vorteilhafter sind da die Tribünen, die in größeren Moscheen den betenden Frauen die Möglichkeit bieten ebenfalls im Hauptgebetsraum zu sein und so der vorgeschriebenen Geschlechtertrennung Genüge zu tun.

Bei der einfachen osmanischen Moschee handelt es sich um einen quadratischen Hauptraum, der mit einer Kuppel überdacht ist. Die Haupthalle kann prinzipiell beliebig durch Anbauten erweitert werden, wobei diese Anbauten mit Halbkuppeln überdacht werden. Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 n.u.Z. ließen sich die osmanischen Architekten auch von der Hagia Sophia (türk. Ayasofia) inspirieren. Typisch, zumindest für die nicht ganz kleinen osmanischen Moscheen, ist der vorgelagerte Innenhof mit Arkadengängen, an den sich weitere Gebäude anschließen können. Koranschulen, Geschäfte, Veranstaltungsräume oder auch ein Grabmausoleum verwandeln dann den Moscheekomplex in ein soziales, religiöses Zentrum.

Mit goldener Verspieltheit zur spirituellen Ruhe

Şakirin Moschee (Şakirin Camii) in Üsküdar

Şakirin Moschee (Şakirin Camii) in Üsküdar

Die Şakirin Moschee (Şakirin Camii) wurde 2009 im selben Stadtteil errichtet, in dem auch Erdoğans Denkmal errichtet wird. Auch wenn viele Grundelemente noch an den osmanischen Stil erinnern (zum Beispiel Minarette und Kuppel), so weist sie dennoch einige Besonderheiten und Neuerungen auf. Der Gebetsraum der Moschee verzichtet auf Wände. So scheint es zumindest, da die Fundamente der Kuppel an vier Ecken direkt in den Boden laufen und drei Seiten lediglich mit Glaselementen verschlossen werden. Davor liegen ornamentreiche Metallkonstruktionen. Erbaut wurde die Moschee von Hüsrev Tayla. Das Novum ist bei diesem Bau, dass erstmals eine Frau, nämlich Zeynep Fadıllıoğlu die Innenarchitektur übernahm. In enger Abstimmung mit islamischen Theologen und Kalligrafen entwarf(en) sie (und andere Künstler) Minbahr, Mihrab und die dekoratieven Bestandteile.

Das Ergebnis ist ein immer noch prunkvoller Gebetsraum, mit vielen goldenen Elementen und einem Hauch von Verspieltheit. Dennoch verliert die Şakirin Moschee deutlich an jenem imposantem Machtausdruck, der den osmanischen Moscheen inne liegt. Vielmehr wird eine sanfte Spiritualität, ja eine beruhigende Wirkung beim Besucher erzielt. Im Arkadenhof hingegen sorgen nur wenige Details für eine Unterbrechung der schlichten grauen Steine. Da wären die fensterartigen Metallelemente zwischen den Säulen, die glitzernde Metallkugel in der Hofmitte, welche als Brunnen das Universum symbolisieren soll und die schlichten Deckenmalereien, zwischen den einzelnen Abschnitten unter den Arkaden.
In einem Interview erzählte Fadıllıoğlu, dass ihr der gemeinsame Eintritt von Männern und Frauen durch das Hauptportal ein besonderes Anliegen gewesen sei. Doch befinden sich um die Moschee mittlerweile Hinweistafeln, die weiblichen Gläubigen den Weg zum Seiteneingang schildern. Immerhin, die Tribüne für Frauen bietet einen guten, wenn nicht sogar besseren, Ausblick auf die Schönheit der Şakirin Moschee.

Wer selber einen Blick in die Şakirin Moschee werfen möchte, der braucht nicht extra nach Istanbul fliegen. Im Folgenden gibt es eine Bildergalerie mit Erklärungen. (Einfach auf eines der Bilder klicken, um die Lightbox-Funktion zu aktivieren) Wer noch mehr sehen möchte, findet hier eine 360°-Ansicht.

 

Mystisches Schwarz und schlichte Eleganz; außer für Frauen

Die Deva Ulu Moschee (Deva Ulu Camii) mit Minarett

Die Deva Ulu Moschee (Deva Ulu Camii) mit Minarett

Erstmals gänzlich von einer Architektin konzipiert, nämlich von Nermin Özkök, wurde die Deva Ulu Moschee (Deva Ulu Camii). Streng genommen befindet sie sich schon nicht mehr in Istanbul, sondern im Stadtteil Şekerpınar von Kocaeli östlich der Megametropole. Eingeweiht wurde der deutlich schlichtere Bau im Jahr 2012. Zu den Besonderheiten zählen ein verkürztes Minarett, welches eher symbolischen Charakter hat, sowie die fehlende Kuppel. Während in der osmanischen Architektur runden Elementen der Vorzug gegeben wird, steht hier das Eck im Mittelpunkt. Dies gilt nicht nur für den Vorplatz (der übliche Innenhof mit Arkadengang fehl) und das Gebäude selbst, sondern auch für das Design des Gebetsraumes und dessen Einrichtungsgegenstände.

Minbar, Kursi und Mihrab sind rechteckig und in absoluter Schlichtheit entworfen. Schwarzer Granit wechselt sich mit einer weißen Verkleidung ab. Dekoration fehlt fast gänzlich. Einzige Ausnahme bildet eine Kalligrafie des Wortes Allah. Auch der übrige Teil des Gebetsraumes kommt nur mit wenigen dekorativen Elementen aus. Schwarz und Grau, sowie einige Kalligrafien, dominieren den Raum. Lediglich die immer gleichen grünen Ornamente auf den quadratischen Fenstern bieten einen Klecks Farbe. Wenn nachts auch noch das Tageslicht wegfällt, sorgt eine giftgrüne Beleuchtung in der Kombination mit dem schwarzen Granit für eine mystische Aura. Nachts kommt auch das einzig markante Runde zum Vorschein: Kleine weiße LEDs sind zu einer Art Sternenhimmel an der eher industriell anmutenden Deckenkonstruktion angebracht.

Während die Şakirin Moschee viele goldfarbene Elemente aufwies, findet sich hier Gold nur an einer Stelle. Hinter dem Hauptportal führen rechts und links je eine Tür zu sehr kleinen, exakt gleichgroßen, Nebenräumen. Diese sind ebenfalls dem Gebet bestimmt. Doch während der Gebetsraum für die Männer eine silberne Gebetsnische enthält, ist der Mihrab für die Frauen golden. Die Deva Ulu Moschee hat auch keine Nebeneingänge, sodass hier Frauen wirklich zum selben Eingang hereinkommen, wie die Männer.

So interessant und schön die Deva Ulu Moschee auch in den Augen eines Architekturbegeisterten erscheinen mag, von den örtlichen Gläubigen wurde sie bisher nicht so richtig angenommen. Viel Kritik erntete der Bau und das Gotteshaus bietet mehr Platz, als Menschen zum Gebet kommen. Zu den prominenten Kritikern, der Deva Ulu Moschee, gehört Mehmet Görmez, der Leiter des „Präsidium für Religionsangelegenheiten“ (türk. Diyanet İşleri Başkanlığı)

Die folgenden Bilder bieten einen Blick in die Deva Ulu Moschee. (Einfach auf eines der Bilder klicken, um die Lightbox-Funktion zu aktivieren) Wer noch mehr sehen möchte, findet hier ein kurzes Video mit Bildern von der Eröffnungsfeier.

Back to the roots – Wie der Prophet in der Natur

Die Sancaklar Moschee im westlichen Stadteil Büyükçekmece

Die Sancaklar Moschee im westlichen Stadteil Büyükçekmece

Von der klassischen osmanischen Architektur am weitesten entfernt, ist sicherlich die Moschee von Emre Arolat. In Büyükçekmece, 40 Kilometer westlich des Stadtzentrums, hat er die Moschee in einen Hügel gebaut. Fertiggestellt wurde sie 2013. Vom Parkplatz muss man zunächst über die Moschee laufen und sieht dabei lediglich das Minarett und einige Mauern aus Naturstein. Zu Beginn fühlt man sich eher in einem Garten, als in einer Moschee. Auch wenn man dann die Stufen auf der anderen Seite des Hügels hinabgestiegen ist, erinnern die scheinbar nutzlosen Mauern mehr an eine mittelalterliche Ruine, und der künstliche Bachlauf mehr an ein Dorf in den Bergen, als an einen Sakralbau. Die Natur, und das Wilde darin, spielen zweifelsohne eine entscheidende Rolle bei der Architektur. Während die osmanische Architektur zuweilen Pflanzen und Gärten in ihre Moscheen integrierte, installiert hier der Architekt die Moschee in die Natur selbst.

Das Innere sei von der Höhle inspiriert, in der Mohammed die Suren Allahs empfing, so Arolat. Dabei kam ein beeindruckend schlichter Gebetsraum heraus, der trotz aller Spärlichkeit und nacktem Stein, eine beruhigende Wärme ausstrahlt. Das religiös notwenidge Interieur ist vollständig, doch fällt es schwer, dieses auch auf Anhieb als solches zu erkennen. Die in den Beton „gefräste“ Gebetsnische mag noch offensichtlich sein, aber beim daneben liegenden Minbar vermutet man zunächst einen Gang zu einem weiteren Raum. Auch der Kursi in der Wand aus schwarzem Glas bleibt solange unsichtbar, bis sich ein Geistlicher hinein begibt.

Doch die Sancaklar Moschee hat nicht nur Bewunderer, im Gegenteil: Im Internet überschlagen sich die Warnungen, man solle doch nicht in die „Ungläubigen-Moschee“ gehen. Ein zweifelhafter Einwurf, denn die Moschee hat von einer Bibliothek bis zu Waschgelegenheiten alles, was die Gläubigen benötigen. Auch theologisch gibt es keinen Widerspruch. Es scheint das alte Problem von Traditionalisten und Konservativen zu sein, die nur schwer Zugang zur Moderne finden. Verrückt, wenn man bedenkt, dass auch der osmanische Baustil, dem eine Vielzahl der türkischen Muslime anhängig ist, einmal modern war.

Auch ohne 2 Stunden Anfahrt vom Istanbuler Stadtzentrum, ist der Blick in die Sancaklar Moschee möglich. Im Folgenden gibt es eine Bildergalerie mit Erklärungen. (Einfach auf eines der Bilder klicken, um die Lightbox-Funktion zu aktivieren) Wer noch mehr sehen möchte, findet hier eine 360°-Ansicht.

 

 

 

 

Titelbild: links: Deva Ulu Camii (c) Navid Linnemann, rechts: Blaue Moschee: (c) Clay Gilliland, wikimedia

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