Alle Jahre wieder: Religiöser Fanatismus im Stadt Kurier

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Auch wenn ich zurzeit im Ausland lebe, lässt mich meine Heimatstadt Neuss nicht los. Enger Kontakt zu Freunden und Familie trägt Sorge, dass ich über das Geschehen am Rhein ebenso gut informiert bin, wie in meiner Wahlheimat Istanbul. Leider schließt das auch die Publikation des Neusser Anzeigenblättchens Stadt Kurier mit ein. Immer dann, wenn der dortige „Chefredakteur“ Frank Möll wieder den Bären abgeschossen hat, wird mir das mitgeteilt. So auch gestern, als Möll versuchte aus den traurigen Ereignissen in Berlin für seine Sache, die Missionierung, Kapital zu schlagen.

Viele Politiker und Journalisten haben nach dem Anschlag am 19. Dezember auf dem Berliner Weihnachtsmarkt richtig formuliert, dass nun mit Bedacht vorzugehen sei. Auch der FDP-Politiker Christian Lindner attestierte jenen Menschen, die nun politisches Kapital schlagen wollen, Charakterlosigkeit.
Leider haben wir in Europa mittlerweile eine gewisse Routine, was den Nachgang von Terroranschlägen betrifft. So war es kaum verwunderlich, dass die BILD am Mittwoch mit der Schlagzeile „Angst!“ eröffnete und reißerisch über Tote, den Täter und ein erhöhtes Attentats-Risiko berichtet. Der Letzte der sechs Untertitel bezieht sich erst auf die Trauer um die Opfer. Ganz anders die Berliner Morgenpost, welche mit einer schwarzen Titelseite aufmachte, einem schlichten Bild des Brandenburger Tors und dem Aufruf „Fürchtet euch nicht!“

Der Stadt Kurier titelt in seiner Ausgabe vom 23. Dezember mit derselben Zeile, wie es auch die Berliner Morgenpost tat. „Fürchtet euch nicht!“ Doch der Inhalt des Textes widerspricht dem gewaltig. Es handelt sich um ein klassisches Werk aus Frank Mölls Feder. Zusammenhangslos, in Teilen falsch, mit einer Spur Sexismus, oftmals wirr und ganz viel religiösem Fanatismus.

Der Autor eröffnet mit dem Vorwurf, dass es „völlig unsinnig [war], dass der Zahnarzt ein Röntgenbild vom Zahnstatus nach Berlin geschickt hat“, da eine „Identifizierung der Leichenteile nur noch mit DNA möglich“ sei. – Es ist bemerkenswert, dass Herr Möll genau weiß, wie die Opfer aussehen und was von ihnen übrig ist. Man möchte doch annehmen, dass das Bundeskriminalamt wesentlich besser einschätzen kann, was es für eine Identifizierung der Opfer braucht. Und immerhin hat diese Behörde Röntgenbilder bzw. Abdrücke angefordert.
In Anbetracht Mölls weiterer Ergüsse bleibt dieser Vorwurf an den Autor recht unbedeutend. Auch dass es sich um eine NeusserIN handelt, die Opfer wurde, ist… geschenkt.

Von einer kleinen Stelle gegen Ende des Artikels einmal abgesehen, handelt es sich bei dem vorliegenden Beitrag um ein abstruses religiöses Werk, welches man in einer konservativen Kirchenzeitung eher vermuten würde, als in einem Anzeigenblättchen. Die Mischung aus Drohkulisse und einem indirekten Aufruf zum Glauben an Gott beginnt gleich hinter der mindestens merkwürdigen Kritik an der polizeilichen Routinearbeit.

„Aber die Prediger hören nicht auf uns zuzurufen: Gott wird Mensch, in einer Krippe, geboren von einer Jungfrau. Kann das sein, alles Lüge? Die modernen Theologen sagen: Ja, alles erfunden und unwahr.“

Mich interessiert an dieser Stelle, wer denn moderne Theologen sind. Sind es nicht vielmehr Atheisten, die behaupten, dass diese ganze Gott-wird-Mensch-Geschichte ein Mythos ist? Doch für Frank Möll spielt eine theologische Diskussion hier keine große Rolle. Er will lediglich einen Gegensatz erzeugen. Einen Kampf zwischen wahr und falsch. Zwischen Gut und Böse. Nachdem dieser Gegensatz steht, beginnt der Autor sogleich mit dem Aufbau seiner Drohkulisse.

„Kleine Mädchen, die zur Schule gehen, werden zerfetzt den Todeskampf mit Panik in den Augen verlieren. Das, was aussieht wie der Coca-Cola-Truck wird den Kinderwagen von Mama abtrennen und das gerade geborenen (sic) Baby unter der tonnenschweren Last zermalmen.“

Das klingt schrecklich. Doch was hat es mit dem Anschlag in Berlin zu schaffen? Ein abendlicher Weihnachtsmarkt ist wahrscheinlich kein Schulweg und von sterbenden Schülerinnen an jenem Abend hörte ich auch nichts. Laut Presse, kamen auf dem Breitscheidplatz keine Kinder ums Leben. Einen Lkw gab es offenkundig, doch war der schwarz. Was soll also der Coca-Cola Bezug? Das ist typisch für jegliche Art von Mölls Kommunikation. Zusammenhangslos wird nur an einer gewissen Stimmung gebastelt.

Bis zu dieser Stelle handelt es sich um BILD-Niveau. Doch der Schreiber, der einen wesentlich besseren Romanautoren abgeben würde, als sich ‚Journalist‘ zu nennen, ist mit seinem Horrorszenario noch nicht fertig. Er schafft es noch dem Leid in Berlin eine krude Phantasie hinzuzufügen.

„Nicht Gott scheint Mensch zu werden, mit uns zu sein, uns zu helfen, sondern der Teufel, ja der Leibhaftige. Satan. Der Hass.
Der Horror beginnt, wird immer schlimmer. Der jüngste Tag rückt näher, der echte zweite Advent, den wir uns gerne auf Facebook mit zwei Kerzen ankündigen, also die zweite Ankunft des Heilandes naht. Weltuntergang!“

Es mag traurig genug sein, wenn ein erwachsener Mann an Märchen glaubt. Doch wenn er die Opfer von einem anderen Mann, der ähnliche Märchen glaubt wie er, dazu benutzt, seine Leser mit seinen Fantasien einzuschüchtern, dann ist das mehr als verwerflich.
Man rufe sich nur noch einmal in Erinnerung, dass es sich hierbei nicht um das Mitgliedsheftchen einer Kirche handelt, sondern um ein ungefragt zugestelltes Anzeigenblatt, welches sich als „Zeitung“ versteht. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Herr Möll die unfreiwilligen Abonnenten seines Pamphlets mit Fabelwesen und mittelalterlicher Weltanschauung belästigt.

Der Rundumschlag des „Teufels“

Unter der Zwischenüberschrift „Gewinnen die Teufel?“ wird es noch mal so richtig spannend. Wer das jetzt immer noch nicht verstanden hat, bekommt es von Herrn Möll direkt eingetrichtert.

„Es wird spannend. Gewinnt das Böse? Ist der Erzengel Micha-el (sic) zu schwach. (sic) Luzifer, der Drache, verschlingt er unser politisch korrektes Deutschland ohne Gegenwehr, weil wir uns nicht schützen, selbst böse sind? Ein Land, das gottlos geworden ist, schafft sich ab.“

Ein interessanter Bezug zu Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“, welches den unhaltbaren Vorwurf aufstellt, (muslimische) Migration sei am Untergang Deutschlands schuldig. Hat Herr Möll schon wieder vergessen, dass gerade die islamistischen Attentäter sehr gottgläubig sind? Und glaubt er ernsthaft, dass ein ansteigender Glaube an „Gott“ irgendetwas zur Lösung des Problems beisteuern würde? Offenkundig ist er dieser Überzeugung, denn er schreibt:

„[…] lächerliche Beton-Pöller (sic) vor den Eingängen von Volksfesten, die mächtige Teufel aufhalten sollen, sind der Ausdruck von Rat- und Hilflosigkeit.“

Ich muss ihn enttäuschen. Die Tatsache, dass ein Betonpoller einen Lkw aufhält oder zumindest abbremst, ist durchaus nachweisbar und physikalisch leicht zu erklären. Beten gegen Terror ist es nicht…
Es ist jedoch nicht nur die Angst vor Anschlägen nach dem Muster von Berlin und Nizza, die Herr Möll seinen Lesern einimpfen möchte. Er geht beinahe den ganzen Katalog an terroristischen Möglichkeiten durch. Atomkraftwerke, verseuchtes Trinkwasser oder die gebastelte Bombe aus dem Baumarkt. Und wieder schafft er es andere Themen mit in seinen Aufmacher zu weben, wenn er subtil auf ein angebliches Meinungsverbot hindeutet.

„[Wir] dürfen unsere Sorgen nicht mehr auf Facebook posten, weil wir dann als Nazis fehlindentifiziert (sic!) werden könnten.“

Ja ne, is‘ klar! Diese Behauptung ist schlichtweg falsch. Im Gegenteil, Facebook erscheint noch immer als weitestgehend rechtsfreier Raum, in dem jede Sorge mitgeteilt werden kann. Und nur wer Nazivokabular benutzt oder Naziansichten vertritt, wird dann auch als Nazi bezeichnet. (Das ist dann übrigens auch irgendwie Meinungsfreiheit…)

Was sonst noch zusammengezimmert wurde

Da wir Herrn Mölls Texte bereits als teilweise zusammenhangslos, oder mindestens ausufernd, erkannt haben, fallen die folgenden beiden Punkte kaum mehr auf. Zum einen ist da das Bild ohne Quellenangabe, welches einem Faltblatt der CDU/CSU entnommen ist, und dessen Beschreibung. Beides greift nur einen Teil des eigentlichen Artikelinhalts auf. Nämlich die Christenverfolgung, welche Herrn Möll bekanntermaßen besonders am Herzen liegt. So heißt es dort:

„Die am stärksten verfolgte Religion ist die des Christkindes. Obwohl gerade Christen Frieden und Barmherzigkeit anstreben, ihren Feinden verzeihen, ja diese sogar lieben sollen.“

Auch wenn es inhaltlich richtig sein mag, dass Christen (in absoluten Zahlen!) einer höheren Verfolgung ausgesetzt sind als andere Religionen, so möchte man an den weiteren Aussagen des Textes stark zweifeln. Besonders nach der Lektüre des Stadt Kuriers.

Der zweite Punkt bezieht Mölls zweite Leidenschaft mit ein. Politisches Spitzenpersonal.

„[…] und unser Neusser Hermann Gröhe ließ die blonde Familienministerin von der anderen Partei in sein Gebetsbuch schauen.“

Mal ganz abgesehen davon, dass diese Information vorsichtig ausgedrückt überflüssig ist, haben sowohl die SPD als auch Frau Schwesig Namen, mit denen man sie ansprechen kann. So schlimm scheint es, um die „politische Korrektheit“ in Deutschland also noch nicht bestellt zu sein, wenn der Autor respektlose Anspielungen in seinen Ergüssen platzieren kann.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle noch kurz auf den einzig vernünftigen Absatz in Mölls Text hingewiesen. Seine Kritik an deutschen Waffenexporteuren, die durchaus zutreffend ist, jedoch im Wust von Satan, Jesus und den Terroristen fast untergeht.

Was bleibt?

Kurz vor Jahresende schafft es der selbst ernannte „Journalist“ also noch einmal, ein Glanzstück an Ungereimtheiten in Umlauf zu bringen. Jeder mag glauben, was er will, aber selbst das Spitzenpersonal der Kirchen schwadroniert im Angesicht des real existierenden Terrors auf der Welt nicht so ungeniert vom Satan. Die meisten Menschen haben (vielleicht nur unbewusst) verstanden, dass es so etwas wie den Teufel nicht gibt. Terror ist menschengemacht und als solcher muss er auch bekämpft werden. (An einen anderen Gott) beten hilft da nicht. Nur Aufklärung und Widerspruch gegenüber jeglicher Fantasiewesen, in deren Auftrag Terroristen (aber auch missionierende Schreiberlinge) zu stehen glauben.

Screentshot des Aufmachers im Stadt Kurier vom 23.12.2016

Screentshot des Aufmachers im Stadt Kurier vom 23.12.2016

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