„Ja, es geht mir gut“ – Alltagsrisiko langweiliger Anschläge

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Es hat schon wieder geknallt. In Beşiktaş. Der Stadtteil, in dem meine Universität liegt. Gestern Abend nach einem Fußballspiel. Irgendwas um die 40 Tote. Vorwiegend Polizisten. Warum ich das schreibe? Weil es mich schon lange nicht mehr interessiert.

Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause. Sitze im Bus auf der anderen Seite der Stadt. Patlama – Explosion. Steht in der WhatsApp-Nachricht. Ich schaue auf Facebook. Einige Bilder. Noch ist nur von Verletzten die Rede. Ein Anschlag. Mehrere Anschläge. Ich stecke das Handy zurück in die Tasche. Öffne wieder mein Buch. „Vierzehntes Kapitel – Instruktion für den Fürsten, das Militär betreffend“ Ich lese. An meiner Haltestelle steige ich aus. An der Ampel wartet ein älterer Mann mit mir. „Die Welt ist schlecht“, sagt er. Ich nicke. Es wird grün.

Zuhause erscheint ein Video in meiner Timeline. Zwei Jungs sitzen und spielen Gitarre. Im Hintergrund der Bosporus. Das andere Ufer. Ein Lichtblitz. Roter Himmel. Dunkler Himmel. Die Jungs spielen weiter. Der Kameramann sagt etwas. Sie drehen sich verwundert um. Ein Knall. Die Druckwelle. Die Jungs gehen in Deckung. Das Video endet. Es ist weniger die Explosion, die mich nachdenklich macht, als der faszinierende Unterschied von Licht- und Schallgeschwindigkeit.

Minuten später. Facebook Messenger. „Alles klar?“, fragt ein Freund. „Nach diesen Fotos nicht mehr“, lache ich. Ich meine unsere Unterhaltung vom Vormittag. Die Explosion schon vergessen. Ich schalte einen Film ein. Noch mehr Nachrichten. Ich bin gelangweilt. Ich bin genervt. Unterbrechungen, während der Tatort läuft, kann ich nicht ausstehen.

Was es mit mir macht

 

Was ist mit mir passiert? Als ich noch in Deutschland war, ließ ich nach den Anschlägen in Paris und Belgien stundenlang den Fernseher laufen. Ich gehörte nie zu den ‚Je suis‘-Leuten. Aber ich nahm immer Anteil. Ich beobachtete Twitter und Newsticker im Netz. Doch jetzt… Alles ist so normal geworden. Es ist Alltag. Es berührt mich nicht mehr. Obwohl ich doch in Istanbul viel näher dran bin.

Es ist auch die Routine, die mir auf den Sack geht. Die Fragen aus der Heimat. Die Spekulationen über Täter. Über Opfer. Die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen der kommenden Tage. Die repressive Politik, die nun unweigerlich folgen wird. Ich will davon einfach nichts mehr wissen. Tote durch einen Anschlag sind schlimm. Ich bedauere jeden von ihnen. Aber für mich haben sie heute den gleichen Stellenwert, wie die Toten eines Verkehrsunfalls. Sie sind Alltagsrisiko.

Im Zuge der Berichterstattung zu den Pariser Anschlägen sagte der ZDF-Korrespondent Theo Koll „Wir müssen… wir alle müssen, das zu den Risiken unseres Lebens dazu zählen. So wie wir Autofahren und Unfälle in Kauf nehmen.“ Er hat Recht. Durch überproportionale Berichterstattung, durch flächendeckende Videoüberwachung und durch verschärfte Sicherheitsvorkehrungen bekämpft man keinen Terrorismus. Im Gegenteil: Terroristen leben von Aufmerksamkeit. Sie sterben erst aus, wenn sie diese nicht mehr bekommen.

Nachdem ich meine Gedanken hier aufgeschrieben habe, werde ich den Computer ausschalten. Ich gehe zur Arbeit. Wieder widme mich meinem Leben. Ich bin mir sicher, der nächste Anschlag kommt. Ich denke, dass er mich wieder nicht interessieren wird.

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