Polygamie Teil 1: Echte Liebe oder moderner Harem?

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Immer wieder hört man von Polygamie. Meistens in einem negativen Kontext, oft geht es dabei um Muslime. Doch was ist Polygamie eigentlich und welche Formen gibt es? Leben nur Muslime polygam? Was sagen unsere Gesetze eigentlich dazu? Mit diesen Fragen beschäftigen sich zwei Teile hier auf trotat.de. Teil 1 erklärt heute, welche Formen es gibt und woher diese kommen. In Teil 2 geht es nächste Woche um die Probleme, die mit Polygamie verbunden sind, sowie Vorschlägen zur Lösung.  

Screenshot Facebook

Screenshot Facebook

Vor ein paar Tagen wurde ein kurzes Video in meine Facebook-Timeline gespült. Folge 21 der Spiegel-Serie „Jaafars Videoblog“. Der Moderator und Reporter Jaafar Abdel Karim arbeitet für die Deutsche Welle und beschäftigt sich in seiner Dokureihe mit dem weitläufigen Themenkomplex Flucht. In der aktuellen Folge lernen wir eine aus Syrien stammende Familie kennen, die aus drei Eheleuten und vier Kindern besteht. Die beiden Frauen Mushira und Tamara sowie ihren gemeinsamen Ehemann Ahmad. Der knapp 6-minütige Clip erzählt uns ihre Geschichte. Die Syrer berichten von Reaktionen deutscher Behörden, einer unterschiedlichen juristischen Behandlung und syrischer „Normalität“.  Ahmad erzählt, dass sein Großvater vier, sein Vater drei und sein Bruder zwei Frauen heirateten. Tamara sagt, dass sie Ahmad nicht noch einmal heiraten würde, da ihrer Meinung nach jede Frau einen Ehemann für sich allein haben wolle. Für Mushira, die erste Ehefrau, ist die Situation akzeptabel, da sich Gott etwas dabei gedacht haben müsse, als er den Männer die Polygamie erlaubte.

Das Video – und besonders der Kommentar, mit dem es geteilt wurde – stimmen nachdenklich. Neben der klassischen Monogamie kennen viele Menschen in Deutschland noch andere Lebensmodelle. Patchworkfamilien zum Beispiel. Auch das bewusste Singleleben ist heute anerkannt. Die Wenigsten hatten jedoch Berührungspunkte mit der Vielehe.Wer sich mit ihr beschäftigt, stellt schnell fest, dass man um eine saubere Definition der Begriffe nicht umhinkommt. An dieser Stelle sei jedoch betont, dass sich hier ausschließlich mit (semi-)offiziellen Beziehungen beschäftigt wird. Seitensprünge, Affären oder Konkubinat werden im Folgenden nicht berücksichtigt. Irgendwo muss man auch eine Grenze ziehen…


  • Monogamie, (altgriechisch, monos = allein, einzig, gamos = Ehe) die klassische, in der (westlichen) Gesellschaft akzeptierte Form ehelichen Zusammenlebens zweier Individuen. In ihrer modernen Form unabhängig von den Geschlechtern.
  • Polygamie (altgr. polys = viel, gamos = Ehe) ist eher eine Sammelbezeichnung für die drei detaillierteren Bezeichnungen Polyandrie, Polygynie und Polygynandrie. In jedem Fall ist das Gegenteil einer monogamen Beziehung gemeint. Umgangssprachlich auch Vielehe genannt.
  • Polyandrie (altgr. polys = viel, andros = Mann) ist eine Form der Polygamie, bei der eine Frau zu mehreren Männer in einer ehe(ähn)lichen Beziehung steht. Diese Männer wiederum in monogamer Beziehung zur Frau. Umgangssprachlich auch Vielmännerei genannt.
  • Polygynie (altgr. polys = viel, gyne = Frau) ist eine Form der Polygamie, bei der ein Mann zu mehreren Frauen in einer ehe(ähn)lichen Beziehung steht. Diese Frauen wiederum in monogamer Beziehung zum Mann. Umgangssprachlich auch Vielweiberei genannt.
  • Polygynandrie (altgr. polys = viel, gyne = Frau, andros = Mann) ist eine Form der Polygamie, bei der mehrere Frauen und Männer in ehe(ähn)lichen Beziehung zu einander stehen. Umgangssprachlich auch Gruppenehe genannt.
  • Polyamorie (altgr. polys = viel, latein amor = Liebe) bezeichnet die Praxis mehrere Menschen zur selben Zeit lieben zu können, unter dem Wissen aller Beteiligten. Ein ehe(ähn)liches Verhältnis ist nicht Bestandteil der Polyamorie. Polyamorie hingegen kann Bestandteil polygamer Beziehungen sein.

Man sieht also schon auf den ersten Blick, dass dieses Thema kein einfaches ist. Zunächst sollte man sich bewusst machen, dass es im Fall der syrischen Familie im Video um „Vielweiberei“, also Polygynie, handelt. Die alleinige Bezeichnung Polygamie bei muslimischen Ehen würde suggerieren, dass auch andere Formen (z. B. Polyandrie) auftreten würden. Dass das nicht der Fall ist, wissen wir von vielen Beispielen aus islamischen Ländern. Syrien ist hier kein Einzelfall. Die gesellschaftliche Akzeptanz und auch die juristische Legalität der Ehe zwischen einem Mann und mehreren Frauen erstrecken sich von Indonesien bis zu weiten Teilen Nordafrikas. Wenn auch nicht legal, so ist Polygynie sogar in der Türkei verbreitet.

In der Mormonenfamilie Hammon lebt ein Mann mit 3 Frauen und über 20 Kindern.

In der Mormonenfamilie Hammon lebt ein Mann mit 3 Frauen und über 20 Kindern. Screenshot aus der Doku „Polygamie in Gottes Namen“

Na klar, wird sich mancher Leser an dieser Stelle denken, im Islam sind ja auch bis zu vier Frauen erlaubt. Doch bevor wir uns die theologischen Begründungen anschauen, sollten wir zunächst sammeln und nach weiteren polygamen Beziehungen suchen. Wir werden bei den Mormonen fündig. Auch in dieser christlichen Glaubensrichtung gibt es, wenn auch weniger häufig, eine Form der Polygamie. Wieder handelt es sich um eine religiös begründete Polygynie.
Das Gegenstück hierzu, die Polyandrie, finden wir heute beispielsweise in Indien, Tibet oder im Kongo. Der Vorteil liegt darin, dass sich die Kapazitäten in der Reproduktion an den Frauen orientieren. Denn beim Mangel an fruchtbarem Land in diesen Gebieten wäre ein Bevölkerungswachstum von Nachteil. Oft heiraten mehrere Brüder eine Frau, was die Weitergabe der Familiengene garantiert.

Enthalten Spuren von Polyginye, jedoch keine von Polyamorie

Enthalten Spuren von Polygynie, jedoch keine von Polyamorie

Doch welche Begründungen führen Koran und Bibel an, wenn einige (!) Gläubige eine Erlaubnis zur Polygynie aus ihnen ableiten? Bei den Mormonen beispielsweise geht die (heute nur noch von einer Minderheit praktizierte Vielehe) auf den Gründer ihrer Religion zurück. Joseph Smith „betete“ während einer Neuübersetzung der Bibel über eben dieser, als er eine „göttliche Eingabe“ erhalten haben soll, die ihm auftrug, mehrere Frauen zu ehelichen. Inspiriert wurde er wahrscheinlich durch die Personen in der Bibel selbst. Denn für die bekannten Propheten Abraham, Jakob, Moses und andere waren mehrere Ehefrauen selbstverständlich. Damit lässt sich wahrscheinlich auch erklären, warum es in der Bibel keine generelle Ablehnung der Polygamie gibt. Auch wenn die großen christlichen Kirchen in der heutigen Zeit die Ehe zwischen Mann und Frau (!) als einzige Form zwischenmenschlicher Beziehung tolerieren, war dies nicht immer so. Noch in der frühen Neuzeit fand beispielsweise Martin Luther nichts unchristliches daran, dass Fürsten und Könige jener Zeit mehrere Frauen ehelichten. Er wünschte sich lediglich, dass dies gegenüber den einfachen Gläubigen diskret behandelt würde.

Auch im Islam spielen die Propheten eine wichtige Rolle, denn ihr Vorbildcharakter ist stark ausgeprägt. Das Hauptargument für eine zulässige Polygynie mit bis zu vier Frauen leiten manche Muslime allerdings aus Sure 4 Vers 3 im Koran ab. Dort heißt es: „Und wenn ihr fürchtet, den Waisen nicht gerecht werden zu können, nehmt euch als Frauen, was euch gut erscheint, zwei oder drei oder vier. Doch wenn ihr fürchtet, ihnen nicht gerecht werden zu können, heiratet nur eine […].“ Islamwissenschaftler betonen das Wort Waisen und machen darauf aufmerksam, dass es ursprünglich um die Versorgung von Kriegswaisen ging. Man beachte also die Entstehungszeit dieser Sure, in der es tatsächlich zu vielen Kriegstoten kam, die auch den Propheten veranlassten, mehrere verwaiste Frauen zu heiraten und ihnen so das Überleben zu sichern. Das Argument „Männermangel“ wird auch heute noch in Debatten angeführt, sogar wenn Sozialgesetzgebung (besonders in Europa oder anderen modernen Staaten) dies überflüssig macht. So auch bei den radikalsten Vertretern des Islams, den Salafisten. Pierre Vogel, Deutschlands berühmtester religiöser Wirrprediger, versucht sich in einem Video an der Rechtfertigung der Polygynie. Er führt, neben dem Männermangel-Argument, welches für die allermeisten Regionen der Welt schlichtweg keine Gültigkeit besitzt, auch an, dass Frauen aufgrund ihrer „Veranlagung“ kein Interesse an mehreren Männern hätten. Dann erklärt er, dass im Islam die Eindeutigkeit der Vaterschaft wichtig sei, dass Frauen schneller Geschlechtskrankheiten bekommen würden und weiter Absonderlichkeiten. Dass diese Argumente allesamt nicht stichhaltig sind, weiß Vogel selbst, denn am Ende seiner Ausführung bündelt er seine Argumentation auf die schlichte Losung, dass „wir Muslime hören und gehorchen“ müssen.

Hochzeit einer Frau mit zwei Männern ©flickr.com Angie Gaul/ www.milestoneimages.us

Hochzeit einer Frau mit zwei Männern ©flickr.com Angie Gaul/ www.milestoneimages.us

Doch ist das alles? Ein paar fanatische Religiöse heiraten mehr als eine Frau, begründen das vor sich selbst mit scheinheiligen Argumenten längst verstorbener Propheten? Nein! Denn es gibt etwas, was wir im Themenkomplex Polygamie noch nicht betrachtet haben. Die Liebe. Kann es nicht auch sein, dass manche Menschen mehrere Personen zur selben Zeit lieben und mit ihnen in einer dauerhaften Beziehung leben wollen? Ob es nun ein Mann mit mehreren Frauen, eine Frau mit mehreren Männern oder gleich mehrere Frauen und Männer sind, spielt keine Rolle. Hierbei sind, um das klar zu trennen, keine offenen Beziehungen gemeint, bei denen ein festes Paar sich gelegentliche Abenteuer mit One-Night-Stands gestattet. Es geht um feste Beziehungen zwischen mehreren Personen. Polyamore Beziehungen sind selten, aber es gibt es. Auch in Deutschland, auch bei Deutschen. Manuela ist zum Beispiel seit 15 Jahren mit einem Mann verheiratet. Ihr Mann hat zudem eine feste Freundin und sie einen Freund. Auch zwischen Manuela und der Freundin entwickelt sich eine ernsthaftere Beziehung. Ein anderes Beispiel ist Franziska, die zwei Männer liebt. Sie lebt mit beiden unter einem Dach und hat auch mit beiden Kinder.

Wie auch andere sexuelle Minderheiten, gehen polyamore Menschen auf die Straße. Hier in San Francisco © Pretzelpaws/wikimedia commons

Wie auch andere sexuelle Minderheiten, gehen polyamore Menschen auf die Straße. Hier in San Francisco © Pretzelpaws/wikimedia commons

Wenn wir die Beispiele in den Videos vergleichen, so stellen wir zwei unterschiedliche Sichtweisen fest. Bei den gezeigten polygynen Ehen in der Türkei, oder auch in unserem Beispielvideo aus Deutschland, sind die Beteiligten mehr oder weniger unzufrieden. Die Begründungen für das Festhalten an ihrem Lebensmodell lauten oftmals gleich. Man will die Familie, aus Rücksicht auf die Kinder, nicht zerstören. Oder man glaubt an die religiösen Vorschriften. Doch Liebe oder zumindest eine tiefe Zuneigung sind kein Motiv.
Ganz anders bei den polyamoren Beziehungen. Hier sind sich die Beteiligten bewusst, dass ihr Lebensmodell um einiges schwieriger ist, als es eine monogame Ehe wäre. Dass sie mitunter hart dafür arbeiten müssen und Kompromisse, bzw. Abstriche hinnehmen müssen. Doch sie sprechen positiv von ihren Beziehungen, wollen daran festhalten. Und, das scheint ihnen wichtig zu sein, sie leben von der Offenheit, der Ehrlichkeit aller Beteiligten. Ein Umstand, den wir in den muslimischen Vielehen nicht gefunden haben.

Im 2. Teil liegt der Fokus auf den Problemen, die polygame Beziehungen und Ehen mit sich bringen. Auch die rechtliche Situation in Deutschland wird dabei unter die Lupe genommen. Wer von seinen oder ihren eigenen Erfahrungen berichten möchte, kann dies gerne (auch anonym) unter diesem Post machen.

 

Titelbild: Ein Araber mit seinen zwei Frauen? © Tord Sollie/flickr.com

 

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