Polygamie Teil 2: Der Staat und die Liebe

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Immer wieder hört man von Polygamie. Meistens in einem negativen Kontext, oft geht es dabei um Muslime. Doch was ist Polygamie eigentlich und welche Formen gibt es? Leben nur Muslime polygam? Was sagen unsere Gesetze eigentlich dazu? Mit diesen Fragen beschäftigen sich zwei Teile hier auf trotat.de. Teil 1 erklärte beim letzten Mal, welche Formen es gibt und woher diese kommen. In Teil 2 geht nun um die Probleme, die mit Polygamie verbunden sind, sowie Vorschlägen zur Lösung.  

Nach unserer Betrachtung der kulturellen und religiös gestatteten Möglichkeiten polygamer Lebensweisen betrachten wir nun das weltliche Recht. Wie schon erwähnt, sind Vielehen vor Allem in muslimischen Ländern legalisiert. Anerkannt werden sie aber auch in Israel. Im christlichen Kenia wurden sie sogar erst jüngst (2014) eingeführt. Wie aber sieht es bei uns aus? Im deutschen Rechtsstaat ist die Schließung einer zweiten (oder dritten, usw.) Ehe nach §1036 BGB verboten, solange die vorherige Ehe nicht geschieden wurde. Nun kann man sich allerdings fragen, ob das auch vernünftig ist, da auch die Ehe zwischen Homosexuellen im deutschen Recht nicht gestattet ist, obwohl 82,6% der Deutschen sich für eine Öffnung der Homoehe aussprechen. Dazu aber später mehr. Zunächst betrachten wir die Ausnahmen. Denn nur das Schließen einer Ehe ist in Deutschland verboten, nicht die Führung selbst. Daraus folgt, dass im Ausland legal geschlossene Vielehen in manchen Bereichen rechtlich anerkannt sind. So sind dritte oder vierte Eheleute beispielsweise im Erbrecht oder bei der Witwenrente berücksichtigt. Anders ist es wiederum um Ausländerrecht. Nach §30 Absatz 4 AufenthG bekommen nur erste Ehepartner einen aus der Ehe resultierenden Anspruch auf einen Aufenthaltstitel. So kennen wir es auch von der syrischen Familie aus unserem Video, bei der Tamara nicht vom Familienachzug Gebrauch machen konnte.

Denken wir zurück an den Kommentar, mit dem das Video gepostet wurde, so drängt sich die Frage auf, wie sich eine Förderung, bzw. ein „Sponsoring“, von Frauenunterdrückung aus dieser Gesetzeslage ableiten lässt. Dafür muss man zunächst einmal auf rechten Seiten schauen, denn dort tauchen solche Kommentare öfters auf. Man deklariert die Vielehe als eine Möglichkeit zum „Schmarotzen“. Dass diese Behauptung ihre Gründe hat, lässt sich erahnen, wenn man sich einen Beitrag von RTL-extra anschaut. Die Masche, die  RTL hier „aufdeckt“ funktioniert wie folgt: Männer heiraten mehrere Ehefrauen nach islamischen Recht. Die Imame müssen diese Eheschließungen nicht an die deutschen Behörden melden. Danach gehen die Frauen zum Sozialamt und beantragen Sozialeistungen. Hartz 4, Wohngeld, Kindergeld. Sie geben an, unverheiratet und alleinerziehend zu sein. So kassieren sie Geld für ihren Lebensunterhalt und ihren Mann.

Der Kern der Botschaft ist gerechtfertigt. Sozialbetrug bleibt schließlich Betrug und den gilt es zu verhindern. Doch nur im Schlusssatz des Beitrages wird RTL sachlich, denn die einfache Lösung für das Problem liegt auf der Hand. Eine Meldepflicht für islamische Ehen und ein entsprechendes Zentralregister. Dann wäre schnell klar, wer Anspruch auf welche Sozialleistung hat und wer nicht. Der gesamte Rest des Beitrags ist populistische Stimmungsmache. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Art des Sozialbetrugs nur einen kleinen Teil ausmacht und auch nur in einigen Städten überhaupt vorkommt, ist auch die handwerkliche Produktion, vorsichtig formuliert, dramatisch. Dass rechte Kommentatoren bei der Erfassung von Fakten hier schnell Probleme bekommen, sieht man beispielsweise daran, dass RTL erst von einem Drittel der arabischstämmigen Männern in Neukölln redet, dann von einem Drittel der Muslime und schließlich sogar von einem Drittel der Migranten. Was daran faul ist, erkennt der durchschnittliche RTL-Zuschauer wahrscheinlich selten. Am Ende bleibt lediglich ein weiterer Beitrag zur Stimmungsmache gegenüber einer angeblich drohenden Islamisierung übrig.

Wie sieht es aber mit echter Liebe aus? Auch wenn es für die meisten Menschen wahrscheinlich nicht die Regel ist, gibt es Menschen, die mehrere Partner gleichzeitig lieben. Wir haben in Teil 1 einige Beispiele kennen gelernt. Nach deutschem Recht darf eine erwachsene Frau nur einen erwachsenen Mann heiraten. Ist das noch zeitgemäß? Zumindest was die Bestimmungen zu der Geschlechterverteilung angeht ist die Gesellschaft schon viel weiter als der Staat, wie wir weiter oben bereits festgestellt haben. Wenn wir heute die Ehe als festen, vor dem Staat bekundeten Bund von Erwachsenen begreifen und dies ausschließlich mit Liebe begründen, warum sollte das dann auf 2 Personen begrenzt sein? Welches (nichtreligiöses) Argument gibt es gegen eine Ehe mit mehr als 2 Beteiligten? Darüber könnten, beziehungsweise sollten, wir als Gesellschaft einmal ausführlicher diskutieren.

Was also sollte die Aufgabe von Politik und Gesellschaft beim Thema Polygamie sein? Zunächst einmal eine saubere Trennung. Wer religiöse Polygynie ausnutzt, um Sozialleistungen zu erschleichen, gehört bestraft. Sozialbetrug ist und bleibt schließlich Betrug, der unterbunden werden muss. Ein Zentralregister und eine Meldepflicht religiöser Ehen sollten hierfür ausreichend sein.
Auf der anderen Seite muss aber die individuelle Entfaltung der Menschen gewährleistet werden. So zumindest gibt es das Grundgesetz vor. Ganz ähnlich der Debatte um eine Öffnung der Homoehe sollte nur die Liebe im Vordergrund stehen. Denn eine staatlich legitimierte Beziehung – und das trifft auf die Homoehe genauso zu, wie auf die Viel- oder Gruppenehe – bietet den Beteiligten rechtlichen, sozialen und finanziellen Schutz. Wir können uns sicher sein, dass diese Öffnung der Ehe für alternative Lebensgemeinschaften nur von einer sehr sehr kleinen Zahl Menschen genutzt würde. Aber sie würde diesen Menschen helfen und niemandem schaden.

Titelbild: Ein Araber mit seinen zwei Frauen? © Tord Sollie/flickr.com

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