Sex im Hijab – Pornos für Araber*innen

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Die libanesisch-amerikanische Pornodarstellerin Mia Khalifa zeigte sich in Ihrem Debüt mit Kopftuch. Ein Tabubruch auf dem Weg in die sexuelle Selbstbestimmung der arabisch-muslimischen Welt? Oder doch nur eine weitere Männerphantasie, die bedient wird, um der Pornoindustrie Gewinne zu garantieren?

Was verbindet den US-Präsidenten, eine amerikanische Pornodarstellerin und radikale Islamisten miteinander? Auf den ersten Blick nicht viel. Präsident und Islamisten mögen sich gegenseitig nicht besonders. Islamisten verteufeln Pornos vehement (was sie jedoch nicht unbedingt vom Konsum abhält) und über die Haltung Trumps zu Pornostar Mia Khalifa ist nicht viel bekannt. Man kann durchaus Worte wie classy, huge und amazing vermuten. Besonders, wenn man weiß, dass Khalifa seinen Wählern kurz vor der Wahl orale Befriedigung versprach.
Die Verbindung von Islamisten, Pornostar und Präsident liegt in einer Petition, welche vor einigen Wochen auf change.org startete. Unter dem Titel „Mach Mia Khalifa zur Botschafterin in Saudi Arabien“ ruft der Initiator eben genau dazu auf. Einen Pornostar als Botschafterin im Sharia-Staat. Die Begründung für dieses Anliegen fällt kurz aus: „Mia Khalifa hat viel dafür getan, Menschen unabhängig von deren kulturellem Hintergrund zusammenzubringen, damit sich unsere Länder und die internationale Gesellschaft verbessern können“. Onanieren für die Völkerverständigung? Ernsthaft?
Vielleicht ein Grund, warum die Petition bei rund 5000 Unterzeichnern stagniert. Doch so unwahrscheinlich und abstrus die Sache klingt, der ihr zu Grunde liegende Gedanke ist nicht verkehrt.

Millionen Klicks und Morddrohungen für Kopftuch im Porno

In der arabischen Welt ist die in Beirut (Libanon) geborene Mia Khalifa mindestens so bekannt, wie in Amerika. Hier, in Miami, wurde sie Ende 2014 während der Arbeit in einem Fastfood-Laden entdeckt und begann Pornofilme zu drehen. Nach nur zwei Monaten kürte sie das größte Pornoportal pornhub.com mit 1,5 Millionen Suchanfragen zur beliebtesten Darstellerin. Diese Nachricht sorgte für eine Verfünffachung der Anfragen in wenigen Tagen, wobei über die Hälfte aus den arabischen Staaten Libanon, Syrien und Jordanien stammten. Neben ihrem Geburtsort spielte die Art ihres Auftritts in der bangbros-Produktion sicherlich eine entscheidende Rolle. Denn die katholisch erzogene Mia Khalifa trug die islamische Kopfbedeckung Hijab beim Sex vor der Kamera.

Ein offener Umgang mit Sexualität war in der arabischen Welt nicht immer ein Tabu. - cc Partyzan_XXI wikimediacommons

Ein offener Umgang mit Sexualität war in der arabischen Welt nicht immer ein Tabu. – cc Partyzan_XXI wikimedia commons

Während in der westlichen (vorwiegend amerikanischen) Welt Mia Khalifa zu einem weiteren Sternchen am Pornohimmel aufstieg, löste ihr Durchbruch in der arabischen Welt eine tiefgreifende Debatte aus. Das lag vorwiegend an zwei Faktoren, die jeweils in Bezug zu ihrer Karriere in der Pornoindustrie gestellt wurden. Zum einen wurde sie für ihre Tätowierungen kritisiert, die das Logo einer konservativen libanesisch-christlichen Partei und den Anfang der libanesischen Nationalhymne zeigen. Es ging um die ‚Ehre‘ des Landes. Zum anderen der Umstand, dass sie Sex mit Hijab hatte. Was wiederum zu Lasten der ‚Ehre‘ von Muslimen ging. In zahlreichen TV-Sendungen wurde sie angegriffen und der Shitstorm in den Sozialen Netzwerken war gewaltig. Eine Fotomontage auf twitter zeigte ihr Gesicht bei einer IS-Exekution. Die Darstellerin konterte die Angriffe auf ihre Person im Netz mit Humor und Schlagfertigkeit. Der Anspielung auf die Enthauptung entgegnete sie: „Solange es nicht meine Brüste sind. Die waren teuer.“

Doch an Unterstützung mangelte es nicht. Die Band Timesfly widmete ihr ein Lied (Triggerwarnung: adult content) und besonders von jungen Männern aus der arabischen Welt bekam sie viel Zuspruch. Man erinnere sich an die Herkunft der Klicks auf pornhub. Sogar bei Protesten gegen die Regierung in Beirut hielt ein Mann ein Plakat mit Khalifas Foto in die Luft. Darauf die Aufschrift „Es ist wahr, dass diese Frau Sex hat, doch sie ist anständiger als sie! [die Regierungsmitglieder]“.

Unterdrückung der Sexualität im orthodoxen Islam trifft beide Geschlechter

Genau hier liegt das Problem. Der Demonstrant hat es vielleicht gut gemeint, dennoch bedeutet seine Aussage nichts anderes, als dass er Frauen, die unehelichen Sex haben, als unanständig betrachtet. Sexuelle Freiheit ist für heutige muslimische Gesellschaften meistens ein Fremdwort, wenn nicht sogar ein ‚Teufelswort‘. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Das Erstarken des fanatischen Islams, traditionelle patriarchale Strukturen und schlichte Unkenntnis über den eigenen Körper. Betroffen sind davon nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Die Autorin Shereen Elfeki erforscht seit Jahren die Sexualität in arabischen Ländern. Für sie ist die Frage nach selbstbestimmter Sexualität auch eine politische, denn „wenn sich Menschen in ihrem Privatleben freier fühlen, ist es schwieriger, sie im öffentlichen Leben zu kontrollieren.“ Dass dabei auch ein langsamer positiver Wandel zu beobachten ist, macht Elfeki ebenfalls deutlich.

Zwei Titelseiten des libanesischen Erotikmagazins 'Jasad'. - www.jasadmag.com

Zwei Titelseiten des libanesischen Erotikmagazins ‚Jasad‘. – www.jasadmag.com/

Diese Beobachtung machte auch Joumana Haddad während ihrer Arbeit im Libanon. Dort versuchte sie mit dem Erotikmagazin Jasad (Körper) einen Diskurs über Sexualität anzuregen. Als Hauptgrund sieht die Autorin die Religion. „Sie predigen, dass die eigene Sexualität etwas Bösartiges, Beschämendes und Sündiges ist. Man erzieht sie dazu, das Körperliche selbst zu unterdrücken und zu verstecken. Vor allem Frauen lernen so nicht, wie schön es ist, über den eigenen Körper zu verfügen, ihn zu erforschen, zu genießen und zu schützen.“ Haddad begrüßt daher auch den Erfolg von Mia Khalifa. Zumindest, wenn Khalifa ihren Beruf aus freien Stücken ausübt, denn die Pornoindustrie ist überwiegend männerdominiert und Frauen werden oft ausgenutzt, so die Autorin weiter.

Auch wenn Mia Khalifa selbst gar keine Muslima ist, so hat sie mit ihrem Premierenvideo ein neues Pornogenre erschaffen. Die Zahl an Filmen und Filmchen mit Bezug zum Islam steigt stetig an. Das erleichtert nicht nur den Zugang von jungen muslimischen Männern, sich einmal intensivere Gedanken über Sex zu machen, sondern bietet auch Potenzial für muslimische Frauen, ihre Sexualität neu zu entdecken. Identifikation durch den Hijab.

Im Film "Mia Khalifa Is Cumming For Dinner" streitet sie sich mit ihrer Stiefmutter um die Gunst eines Mannes. - screenshot

Im Film „Mia Khalifa Is Cumming For Dinner“ streitet sie sich mit ihrer Stiefmutter um die Gunst eines Mannes. – screenshot

Die bangbros-Produktion steht hier jedenfalls erst am Anfang des Möglichen. Zwar eröffnet der erste Film von Mia Khalifa im Hijab die Identifikationsebene, bleibt aber weit hinter den Möglichkeiten eines feministischen Pornos zurück. Im Film geht es um zwei Frauen die, unter vollem Körpereinsatz, um die Gunst eines Mannes werben. Auch die anderen Streifen sind unter dem Strich typisch für einen Porno mit der Zielgruppe ‚Mann‘. Mit viel gutem Willen könnte man einem Kurzfilm (Khalifa zeigt einer ebenfalls kopftuchtragenden Frau wie Oralsex funktioniert) noch einen Aufklärungsgedanken andichten. Doch letztendlich ist offensichtlich wer hier für wen Pornos produzierte.

Aufklärung fängt bei der richtigen Bezeichnung an

Dass kopftuchtragende Frauen keine sexuellen Bedürfnisse haben, oder sie streng unter Koran und Schleier verstecken, ist dabei ein Trugschluss. Befragungen ergaben einen Zwiespalt zwischen dem Wunsch der religiösen Lehre zu folgen und dem Drang dem natürlichen Bedürfnis Genugtuung zu verschaffen. Die mangelnde sexualkundliche Bildung, im Elternhaus und in der Schule, ist ein ungerechtes Hindernis auf dem Weg, die Vereinbarkeit von eigener Sexualität und Religion erst zu finden und schließlich auch zu leben.

Mia Khalifa hat ihre Pornokarriere bereits beendet und versucht sich gegenwärtig als Sportjournalistin. - screenshot twitter

Mia Khalifa hat ihre Pornokarriere bereits beendet und versucht sich gegenwärtig als Sportjournalistin. – screenshot twitter

Dass es in manchen Regionen der Welt schon an den richtigen Bezeichnungen der Geschlechtsteile mangelt, mag für aufgeklärte Westler eine erstaunliche Erkenntnis sein. Doch umso mehr sind dann Angebote gefragt, die eben dieses Wissen vermitteln. Pornos brechen seit jeher mit Tabus. Warum dann nicht auch in sexuell unfreien Gesellschaften das große Tabu des ‚darüber redens‘ brechen? Mit der Verknüpfung von Islam und Pornografie zum Diskurs anregen. Das Thema Sexualität öffnen und Zugang für Männer UND Frauen schaffen. Warum dann nicht auch Pornos, die in einem zweiten Schritt die Gefahren von Geschlechtskrankheiten vermitteln, weibliche Lust zeigen oder schlicht neugierig auf den eigenen Körper machen? Am Beispiel von Mia Khalifa konnte man sehen, dass (zumindest die männliche) arabische Welt leichten Zugang zu pornografischem Material hat. Dieses Potenzial sollte genutzt werden.

Jegliche Hilfe für die individuelle Freiheit arabischer Muslime sollte daher Unterstützung finden. Seien es arabische Erotikmagazine, Aufklärungsvideos à la ‚Dr. Sommer oder eben Pornos. Ob allerdings die Entsendung einer Pornodarstellerin als Botschafterin in Saudi Arabien nicht eher einen politischen Eklat hervorrufen würde, dürfte unstrittig sein. Dennoch, die Idee, den religiösen Fanatikern ihre größte Angst ins eigene Land zu pflanzen, hat einen gewissen Charme. Hierbei ist nicht die Angst vor ’sündigen‘ Pornos gemeint, sondern die Angst vor sexueller Selbstbestimmung ihrer Untertanen.

Titelbild: Screenshot des Eingangsbildshirms von Mia Khalifas Website www.miakhalifa.com

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