Herzballons im Tränengas

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Bei der Pride in Istanbul

 

Vermummter Demonstrant © Aliş Hüseyin Karataş

Leute reden. Ich gehe die alte gepflasterte Straße von Şişhane runter nach Karaköy. Leute lachen. Ein Pärchen sitzt in einem Hauseingang und schießt ein Selfie nach dem anderen. Leute bummeln. Sie sind Tourist*innen, Spazierende und schlendern vorbei an den Souvenirshops des alten Pera. Leute staunen. Eine Gruppe steht um einen goldfarben lackierten Pantomimen und wartet sehnsüchtig auf seine nächste Bewegung. Andere sitzen in Cafés, lassen sich porträtieren oder lauschen der Musik von Geigen und Gitarren. Leute reden, miteinander und durcheinander. Eigentlich müsste das Stimmengewirr so laut an meine Ohren schallen, wie es auch sonst immer in den Straßen rund um den Galataturm der Fall ist. Die Leute reden wie immer, doch nichts davon dringt an meine Ohren. Auf halber Strecke, am Turm angekommen, steht ein Mann mit einem Dutzend roter Ballons in Herzform in der Hand.

Zwei Stunden zuvor. Ich komme aus der Metrostation Taksim. Es ist voll. Menschen reden. Alles scheint wie immer. Doch unter den Hunderten Menschen, die auch sonst jeden Tag über den Platz gehen, fallen heute mehrere bunte Menschen auf. Einer hat zahlreiche Farben ins Gesicht gemalt und eine eingerollte Regenbogenflagge

in der Hand. Fünf Hilfssheriffs in roten Westen gehen auf ihn zu. Der Älteste von ihnen nimmt die Flagge aus der Hand des Bunten, steckt sie ein und zerknickt die daran befestigte Pappstange mehrere Male. Ein Blick auf den Ausweis, die Situation ist geklärt.

Ich treffe mich mit meinem Kumpel Aliş, denn heute soll der 16. Onur Yürüyüşü – die 16. Istanbulpride – stattfinden. Die türkische LGBTİ+ Community möchte wie jedes Jahr auf der großen Einkaufsstraße, der İstiklal, für ihre Rechte und ihre gesellschaftliche Anerkennung demonstrieren. Besser gesagt: feiern. Laut, bunt, fröhlich. Singend und tanzend. Das ist es, was die bunten Menschen hier vorhaben und was ihnen in den vergangenen drei Jahren aufgrund terminlicher Überschneidung mit dem Fastenmonat Ramazan verwehrt wurde. Doch in diesem Jahr ist der Fastenmonat schon gelaufen. Und dennoch, die Pride wird vom Istanbuler Gouverneur verboten.

© Aliş Hüseyin Karataş

Wir kämpfen uns durch die gelangweilt dreinblickenden Polizisten und Polizistinnen, die überall in den Seitenstraßen postiert sind. Bei einer größeren Ansammlung bunter Menschen, in einer der kleinen Nebenstraßen, bleiben wir stehen. Aliş und ich genießen das Klatschen und Pfeifen, das Tanzen und Jubeln. Auf vielleicht 100 Metern haben sich hier einige Hundert Menschen versammelt. Vielleicht sind es sogar Tausend. „Nerdesin aşkım? Burdayım aşkım! – Wo bist du mein Schatz? Ich bin hier mein Schatz!“ Eine Erklärung wird verlesen. Von dem unbefristeten Verbot aller LGBTİ+ Veranstaltungen in Ankara ist die Rede. Davon, dass es nicht um ein Demonstrationsverbot aus Sicherheitsgründen gehe, sondern um ein Verbot der puren Existenz queeren Lebens. Immer wieder brandet Jubel auf. „Susma! sustukça sıra sana gelecek. – Schweige nicht! Wenn du schweigst, bist du der Nächste“, antworten die Anwesenden. Doch gehört werden die Worte nur von zahlreichen Fotografen und den Polizisten, die zu beiden Seiten der Straße die Istanbuler Bevölkerung vorsichtshalber ausgeschlossen haben.

Feiernde LGBTI+ Community in Istanbul
© Aliş Hüseyin Karataş

„Wir vermissen die Märsche, an denen Tausende teilnahmen und wir unsere Sichtbarkeit feiern konnten“, heißt es in der Erklärung. „Mit dem Stolz, den unser Dasein uns gibt, lachen wir diejenigen aus, die uns in Schubladen stecken wollen. Und wir laden euch alle dazu ein, diejenigen auszulachen, die unsere Identitäten, unsere Ausrichtung, unser Dasein, unsere Körper, Sprachen, Verlangen und alles, was uns ausmacht, begrenzen wollen. Wir wachsen, in dem wir unsere Grenzen überwinden. Wir stellen uns gegen die, die uns zunächst einschränken und in Gettos sperren und anschließend von hier vertreiben und bekehren wollen.“

Das Ende der Erklärung ist erreicht. An der Spitze des Marsches, der nur etwa 50 Meter weit laufen konnte, wird noch immer geschrien, gepfiffen und geklatscht. Die Polizei drängt auf Auflösung. Aliş und ich wollen aber noch nicht gehen. Andere ziehen sich in die umliegenden Straßencafés zurück. Plötzlich wird es leerer. Die Letzten, vielleicht einhundert bunten Menschen, setzen sich in Bewegung. Sie wollen einfach nur weiter gehen und zeigen, dass sie da sind. Dann geht alles ganz schnell. Mehr Polizei taucht auf. Dieses Mal mit Helm, Schild und Gummiknüppel. Fünf Beamte in dunkelroten Poloshirts bringen Schäferhunde mit Maulkörben. Vorne wird gerannt. Tränengas knallt erst und brennt dann in der Nase. Von den bunten Menschen und ihren Verfolgern ist keine Spur mehr. Nur das Husten um uns herum flüstert von den Ereignissen wenige Sekunden zuvor.

Polizeikräfte lösen die Veranstaltung auf © Aliş Hüseyin Karataş

Ein paar Straßenecken weiter. Wir befinden uns in der Nähe des stolzen Galatasaray-Gymnasiums. An einer Kreuzung machen wir Halt, umringt von unzähligen Fotograf*innen und nun deutlich angespannteren Polizisten. Panisch schreiende Menschen rennen uns entgegen. Kurz darauf die roten Polohemden. Wieder ein Kitzeln in der Nase. Für einen Moment Stille. Dann aus der gegenüberliegenden Seitenstraße dasselbe Spiel. Wir bleiben auf der Kreuzung. Einige Male kommen kleinere Gruppen angerannt. Dicht gefolgt von Polizisten. Die wenigen verbliebenen bunten Menschen versuchen zu fliehen und wollen doch nicht vollends weichen. Einige Dutzend Fotograf*innen sind bei Aliş und mir auf der Kreuzung geblieben. Genauso wie die Polohemden. Ihren Hunden merkt man die schlechte Erziehung genauso an, wie ihren Führern deren Ausbildung. Die Polizisten schaffen es nicht, ihre eigenen Reihen zu halten. Gummiknüppel, Schilde, Hunde und Tränengas reichen nicht, um fliehende, Gerechtigkeit und Anerkennung fordernde Menschen zu bezwingen. Sie einfach durch die Straßen tanzen zu lassen, sie von ihrem Recht auf Demonstrations- und Meinungsfreiheit Gebrauch machen zu lassen, scheint keine Option zu sein. Eine einzelne Frau soll festgenommen werden. Warum? Unklar. Schon stürzen sich die Kameras auf das Gewirr. Die Frau mit einer Handvoll bewaffneter Polizisten auch wirklich in Gewahrsam zu nehmen? Unmöglich.

© Aliş Hüseyin Karataş

Aliş und ich gehen nach Hause. Wir haben genug gesehen. Ich bin allein. Leute reden. Ich gehe die alte gepflasterte Straße von Şişhane runter nach Karaköy. Leute lachen. Ein Pärchen sitzt in einem Hauseingang und schießt ein Selfie nach dem anderen. Leute bummeln. Doch in meinen Ohren sind die Rufe nach Freiheit, ist das Pfeifen um Anerkennung. Vor meinen geistigen Augen fliehen friedliche Menschen vor Tränengas und Knüppeln, während ein Mann am Galataturm ein Dutzend rote Herzballons in die Luft hält.

Ich frage mich, ist Liebe wirklich nicht für alle da?

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